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Enough Bandwagon

Realtalk: Pekingente im Streetwear-Pelz

Streetwear beschreibt die Kleidung einer urbanen Subkultur, deren Einflüsse aus der Graffiti- und Hip-Hop-Szene stammen. Sie ist schwer zu definieren, komplex und kann nicht mal eben so aus dem Boden gestampft werden.

Seit Supreme mit Louis Vuitton schläft und Champion sich mit Vetements zum Tête-à-Tête trifft, ist offensichtlich: Streetwear ist längst zum Modetrend geworden. Was einst als Gegenbewegung zur abgehobenen High Fashion gestartet ist, gehört mittlerweile zu eben dieser. Ganz vorne mit dabei sind nach Umsatz geiernde Galgenvögel, die mit ihren Global Brands im Streetwear-Game mitmischen wollen. Wer vor einem Jahr noch Hemden und Sakkos produziert hatte, versucht sich nun an Bucket Hats, Pins und Oversized-Bomberjacken. Stellt euch einen Opern-Fan vor, der gestern noch Vivaldis Klängen gelauscht hat und im nächsten Moment neben euch auf dem Splash!-Festival steht und Rin-Texte rezitiert. Das Dogma »Streetwear darf und kann alles« ist deshalb Fluch und Segen zugleich. Es gibt einige Beispiele, denen die Fusion aus High Fashion und Streetwear gelungen ist. So haben es Größen wie Raf Simons, Rick Owens, Balenciaga, Stone Island und Alexander Wang geschafft, sowohl die Laufstege als auch die Straße einzukleiden. Die Krux liegt jedoch in der Authentizität. Marken, die eigentlich nichts mit dem Streetwear-Kosmos zu tun haben, sich aber authentisch geben, wirken eher verzweifelt als zeitgemäß. Es ist ein abstoßendes Anbiedern an eine Zielgruppe, ohne sich mit deren Kultur und Werten zu beschäftigen. »Hey Kids! Habt ihr Bock auf ein paar litte Fits, Mois?«. Das klingt, als würden uns Zivilbullen T-Shirts verkaufen wollen.

Noch schlimmer sind Brands, die neben Streetwear nun auch Techwear misshandeln und mit Wörtern wie »heat reactive« oder »urban ninja« um sich werfen. Eine Brand, die vorgibt, das alles zu erfüllen, ist wie eine Pizzeria, die neben mexikanischer auch asiatische und antarktische Küche anbietet. Das hat in circa 99 Prozent der Fälle weniger mit Vielfalt denn mit Magenkrämpfen und Durchfall zu tun. Geht weiter diesen Weg und ihr werdet genauso seelenlos enden wie eine Pekingente, bestellt bei einer Pizzeria Veneziana und zubereitet von Kevin, 18 Jahre, aus Much.