Ruhrpott Fashion Expertise

Zuhause bei Caiza

Unsere Homestory führt uns dieses Mal ins Herz des Ruhrgebietes, genauer: nach Dortmund. Dort wohnt Caiza, ein Freund des Hauses, der dank seiner Sneakerconvention »Kicks in the Hall« unlängst zum Sneaker-Adel aufgestiegen ist. Zudem moderiert er mit seinem Kumpel Sebi einen eigenen Podcast namens “Dressrelief”.

Du kommst ursprünglich aus Paderborn – wie hat es dich nach Dortmund verschlagen?

Ich bin für meinen Job bei der Agentur Säck & Nolde hierhin gezogen. Eigentlich arbeite ich in Bochum, aber Dortmund gefällt mir ein kleines bisschen besser.

Was machst du bei Säck & Nolde genau?

Ich bin für PR und Marketing zuständig. Unser Portfolio reicht von Bekleidungsmarken wie Stüssy oder 40s & Shorties über Turnschuhreiniger wie Jason Markk bis hin zu Tech-Sachen. Wenn man in Deutschland, den Benelux-Ländern und Skandinavien Werbung dieser Marken sieht, stecke auch ich dahinter. Außerdem betreiben wir den Onlineshop »Sehr Goods«– einer der Gründe, warum meine Wohnung so herrlich eingerichtet ist.

Wie bist du zu deinem Job bei der Agentur gekommen?

»Kicks in the Hall« wurde von Jason Markk gesponsert. Nachdem wir eine Weile gut zusammengearbeitet und uns alle paar Monate getroffen haben, sagte mein jetziger Chef: »Was du für deine Sneakerconvention machst, kannst du auch für uns machen.« Nach meinem Studium habe ich ihn dann angerufen und gesagt: »Manfred, ich bin bereit.«

Wie bist du auf die Idee gekommen, eine eigene Sneakerconvention zu starten

Gemeinsam mit meinen besten Freunden habe ich fünf Jahre lang Hip-Hop-Jams veranstaltet, jedoch war das finanzielle Risiko recht hoch. Die damalige Szene ist dann sehr geschrumpft und jeder ist seiner Karriere nachgegangen: Der eine veranstaltet nun Festivals, der andere arbeitet im Medien-Biz und ich habe eben mit der Messe gestartet. In der Turnschuhszene traf ich viele Leute aus dem Hip-Hop-Bereich wieder, die sich einfach in etwas neues Nerdiges reingearbeitet haben. Da Mode und Musik Hand in Hand gehen, waren die Übergänge fließend.

Du warst bereits vorher im Fashion-Bereich tätig. Ich habe gelesen, dass du deinen Einstieg in den Einzelhandel über »The Store« in Paderborn gemacht hast.

Wo stand das denn?

Auf Linked-In? Ich musste dich natürlich etwas stalken.

Ich lasse Linked-In momentan sausen, muss das aber mal wieder updaten. Bei »The Store«, dem damaligen Hip-Hop-Laden in Paderborn, habe ich ein Schülerpraktikum gemacht und hing da im Alter von 14 bis 20 Jahren eigentlich täglich rum. Nach der Schule war ich dann einige Jahre beim Paderborner Skateshop »Pool« tätig.

… und gehörtest damit zu den »coolen Kids«?

Die »Pool«-Leute waren echt immer die coolsten, die es in der ganzen Umgebung gab. Und ich muss auch sagen, dass ich dort viel gelernt habe. Mit denen bin ich beispielsweise das erste Mal zur Fashion Week gefahren.

Also warst du zu dem Zeitpunkt schon tief in der Fashionszene, hast dich dann aber für ein Studium der Germanistik und Anglistik entschieden. Wie kam es dazu?

Mein ganzes Interesse an den Sachen, die ich mache, ist aus meiner Begeisterung für Hip-Hop entstanden. Das gilt auch für das Mode-Ding. Besonders spannend fand ich zudem immer den kulturellen Aspekt – die Schwarze Geschichte. Nach der Schule wusste ich nicht so genau, was ich machen soll – eigentlich wollte ich schon immer Journalist werden. Während des Studiums habe ich mich dann viel mit Musik, Mode und Filmen beschäftigt. Insgesamt konnte ich meine Interessen im Studium schärfen – ich habe aber auch viel Zeit verschwendet.

Apropos Kulturwissenschaften: Caiza – wo kommt dein Name her?

Aus Ecuador. Mein Vater ist Ecuadorianer und dort ist Caiza ein gängiger Name. Ich finde den auch echt klasse, für viele wirkt er jedoch zu cool. Die glauben dann, dass ich irgendein Idiot bin, der Jochen Kaiser heißt und das nur ICQ-mäßig schreibe.

Zurück zum Thema Fashion: Wie würdest du den Dortmunder Stil beschreiben?

Ich finde die Dortmunder sehr modisch – natürlich kann man hier nicht so wie in Paris oder Berlin komplett die Sau rauslassen. Hier feiert man Mode, auch wenn man nicht unbedingt die Kohle dafür hat. Man versteht einfach, was dahintersteht. In der Kleinstadt haben die Leute Supreme gefeiert, weil es selten war. Hier fühlen diejenigen, die Supreme tragen, das wirklich. Generell sind Ruhrpottler irgendwie ehrlich, denen ist Status und Schein recht egal.

Und dein Stil, vor allem untenrum?

Es wird jetzt wieder wärmer und dann arbeiten wir in der Firma barfuß, aber in meiner Freizeit trage ich größtenteils Mephisto oder Adidas – und in letzter Zeit auch Puma. Mit Mephisto arbeite ich sehr eng zusammen. Gerade haben sie den Mephisto Match, den sie 20 Jahre nicht rausgebracht haben, nach sehr viel Bettelei meinerseits wieder aus dem Archiv geholt. Kürzlich gab es auch eine wahnsinnig gute Kollaboration zwischen Concepts und Mephisto. Abgesehen davon hat mein Kumpel Bianco mich auf Hoka Schuhe aufmerksam gemacht. Die sind auch unsagbar geil!

Gibt es einen Schuh, mit dem für dich alles angefangen hat?

Das erste Mal, dass ich einen Schuh wirklich haben wollte, war 1999. Damals habe ich in einer Hip-Hop-Zeitschrift vom Adidas Superstar gelesen – den trug zu der Zeit jeder »reale Head«.

Kannst du dich mit der aktuellen Sneakerszene identifizieren?

Ich merke natürlich, dass ich mit fast 32 Jahren eine Nummer älter bin. Die Turnschuhszene hat sich in den letzten Jahren auch stark verändert. Heute kann man damit Geld verdienen, dass man seine Outfits auf Instagram postet. Ich finde das cool – man hat die Möglichkeit, zu machen, worauf man Bock hat. Junge Leute sehen, dass sie für einen guten Job nicht zwingend studieren müssen und sich auf das konzentrieren können, was ihnen Spaß macht.

Momentan wird die Szene sehr vom Hype bestimmt – was bedeutet das für deine Sneakermesse?

Als ich zwölf Jahre alt war, musste man ein Tamagotchi haben – heute ist es halt ein teurer Schuh. Das verteufle ich gar nicht. Wenn die »Hypebeasts« darüber den Einstieg in die Szene schaffen und sich auf Events mit anderen connecten, ist das doch gut.

Brands wie Stüssy greifen den Aspekt »Teil von etwas sein« explizit auf. Wie wichtig ist dir so etwas?

Man muss sich klar darüber werden, dass man nicht zu einer Gruppe gehört, nur weil man die gleichen Sachen trägt. Das Mindset ist vielmehr das verbindende Element: Solche Brands müssen aus Überzeugung getragen werden. Früher hast du jemanden mit einer Supreme Mütze gesehen und wusstest, du kannst mit dem über John Coltrane oder New York reden. Das ist jetzt nicht mehr so. Dennoch bleibt Mode ein wichtiger Faktor, um auf Leute aufmerksam zu werden. Ich habe die tollsten Menschen über das Mode-Ding kennengelernt. Deshalb liebe ich es, in so einer Community zu sein, auch wenn es abstrus ist, über Materielles Freundschaften zu schießen.

Nun bist du bei Praise ja kein Unbekannter: In einem der Sneaker-Stammtische hast du gesagt, dass du ein Faible für Dinge hast, die so hässlich sind, dass du sie wieder lustig findest. Wo finden sich solche Stücke in deinem Kleiderschrank und in deiner Wohnung wieder?

In meiner Wohnung habe ich definitiv etwas: Ein ganz tolles Beispiel ist meine »Gott schütze Deutschland«-Tasse. Derartig lächerliche Dinge zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. In meinem Kleiderschrank ist es eher die Fuck-You-Attitüde, die ich sehr feiere. Supreme kann das gut. Ein T-Shirt hat mir beispielsweise eine Freundin geschenkt, weil ihre Mutter nicht wollte, dass sie es anzieht.

Das Shirt erinnert mich an die Supreme-Pieces mit »Leda and the Swan«-Print – auch recht provokant. Die Brand untertitelte den Druck mit »Supreme fine arts«. Was verstehst du unter Kunst und was bedeutet sie dir?

Voll geil! Ich liebe Kunst. Ich würde mir wünschen, dass ich reich werde – damit ich mir mehr Originale leisten kann. Ich bin ein Fan von älteren Sachen: Goya, Hieronymus Bosch, Diego Rivera. Aber auch junge Leute, die Kunst machen, feiere ich – das ist mir auch echtes Geld wert. In der Küche hängt ein Druck von einer Freundin von mir, Moner aka @strippernelli. Die macht coole Ausstellungen in München und zeichnet wirklich geil. Außerdem hängen Aufnahmen von @heroinsamurai oder meiner Lieblingsfotografin @sarahlikesprettygirls_ bei mir. Aber alles ist Kunst – Musik ist Kunst, Mode ist Kunst.

In welcher Verbindung stehen das Ruhrgebiet und Kunst?

Ganz klar: Graffiti. Ich war hier auf einer Hip-Hop-Party – das war echt wie 1999. Alle sind da real und gehen malen. Die setzten ihren Job und ihre Zukunft aufs Spiel, nur weil sie Lust darauf haben – Respekt dafür, aber ich könnte das nicht.

Dafür bist du auf andere Art und Weise kreativ: Du schreibst fürs HHV-Journal.

Ja! Darüber bin ich sehr glücklich. Und bei HHV kann ich machen, worauf ich Bock habe. Dabei werde ich auch Musik aufgreifen und hoffentlich drei Artikel im Monat raushauen.

Befinden sich weitere Projekte in der Pipeline?

Ich bin vollkommen ausgelastet. Gerade habe ich das Konzept von »Kicks in the Hall« überarbeitet und Kultur mehr in den Fokus gestellt. Anders als in den letzten Jahren wird es größere Ausstellungen sowie Paneltalks und Live-Musik aus Dortmund geben. Jeder, der bei »Kicks in the Hall« eigentlich nur einen Off-White Jordan kaufen will, soll sehen, dass die Szene viel mehr bietet.
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