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Der Suede, aus dem die Träume sind

Coverstory: Kangaroos ‚Made in Germany’

Wir hatten die große Ehre als erstes deutsches Sneakermedium die Kangaroos »Made in Germany«-Manufaktur in Münchweiler zu besichtigen. Was wir dort erlebt haben, seht ihr hier.

Text: Rami Eiserfey
Fotos: Frederike Wetzels

Deutschland ist vor allem für schnelle Autos, gutes Brot und Bier bekannt. Dass es hierzulande auch solide Schuhmachereien gibt, beweist eine Manufaktur in Münchweiler: Dort werden alle Kangaroos ‚Made in Germany’-Kollaborationen gefertigt. Praise war vor Ort und durfte einen Blick in die Produktionsstätte werfen – gemeinsam mit den Kollegen vom Team Sneakerness, die gleich einen eigenen Schuh in Auftrag gaben. 
Wenn es sein muss, können wir innerhalb von einem Tag einen Schuh fertigstellen“, Bernhard Ganter, Leiter der Manufaktur, weiß um die Leistung seiner kleinen, aber hochprofessionellen Manufaktur. 13 Mitarbeiter bringen hier täglich die Wünsche und Träume ihrer Kunden in eine konkrete Form. Doch von der groben Skizze bis zum fertigen Schuh ist es ein langer Prozess. Davon kann der Afew-Store bereits zum zweiten Mal ein Lied singen. 

Düsseldorf. Afew-Store.


Die Gebrüder Biergen sitzen zusammen am Frühstückstisch. Erst letztes Jahr hatten die beiden mit dem ‚Koi’ der Szene genau das gegeben, was sie haben wollte. Nun jedoch ist es an der Zeit, das zusammenzuführen, was zusammengehört. Auf dem Tisch steht bereits ein Glas Erdnussbutter, aber irgendetwas fehlt noch: Marmelade. Der Kangaroos Coil R1 ‚Peanut Butter’ braucht einen Nachfolger – die Idee zum ‚Jelly’ ist geboren. Nach diversen Brainstorming-Sessions steht das Konzept fest. Andy greift zum Hörer und macht einen Termin mit Bernhard in Münchweiler aus. 

Münchweiler. Made in Germany Manufaktur. Konferenztisch.


Einen Termin haben auch wir gemeinsam mit dem Team von der Sneakerness ausgemacht. Nun sitzen wir mit dem Made in Germany Design-Team zusammen, um uns durch Lederblöcke und Garnproben zu wühlen. Neben dem fertigen hellroten ‚Jelly’ liegen auch Lederproben in »Adenauer-Grün« und Rostfarben auf dem Tisch. „Wir würden gerne verschiedene Materialkombinationen auf dem Upper vereinen. Ginge Glattleder in Verbindung mit Veloursleder? Ist es möglich, ein Material in Flussblau zu finden?“, will Max von der Sneakerness wissen. Bernhard Ganter setzt seine Brille auf, atmet tief aus, schnappt sich einen Stift und schaut in die Runde „Na gut. Dann wollen wir mal. Wo hättet ihr das Glattleder gerne?“ Nachdem die Ideen ausgetauscht wurden und das Material in Auftrag gegeben ist, steht eine Werksbesichtigung an. Vorher führt uns Bernhard aber noch zu dem Raum, in dem die Ideen in eine 2D-Form gebracht werden. 

Münchweiler. Made in Germany Manufaktur. Skizzenraum.


Ein Modelleur schaut sich die Entwürfe an und fasst diese in einem digitalen Prototyp zusammen, der anschließend eine Etage weiter unten zu einem fertigen Schuh wird. Während auf der einen Seite ein normaler Arbeitsplatz mit einem Skizzentisch steht, stapeln sich auf der anderen Seite des Raumes die Schuhkartons: Ovis, Peanut Butter, Katz & Mouse – sie alle erinnern an großartige Projekte, die Kangaroos-Chef Bernd Hummel sehr zu schätzen weiß: „Diese Kollabos bilden die Spitze unserer Arbeit und unseres  Schuhangebotes. Wir sind besonders stolz auf die intensive und positive Zusammenarbeit mit unseren Sneaker-Partnern und auf die Sneaker, die daraus entstanden sind.“ Doch nun wollen wir sehen, wo und wie die handgefertigten Schuhe produziert werden. Bernhard führt uns die Treppe runter ins Erdgeschoss.

Münchweiler. Made in Germany Manufaktur. Produktionsraum.


Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich die Produktionswerkstatt. Kaum öffnet sich die Tür, wird man von den Geräuschen der verschiedenen Maschinen und Arbeitsplätze empfangen. Es surrt, zischt und klackert. Während draußen eine friedliche und nahezu stagnierende Idylle herrscht, sind im Inneren der Manufaktur alle Mitarbeiter in Bewegung. Wir kommen zuerst an der Schneidemaschine vorbei. Ähnlich wie bei einem Plätzchenteig schneidet der Mitarbeiter hier die einzelnen Schuhapplikationen aus dem Materialbogen. Er wirkt konzentriert und schüchtern zugleich. Bernhard stellt den Mann vor, der erst seit drei Monaten in Münchweiler arbeitet. „Wir beschäftigen hier ein paar Flüchtlinge. Sie erhalten von uns eine normale Ausbildung und werden wie jeder andere entlohnt.“ Zum jetzigen Zeitpunkt arbeiten drei Flüchtlinge im Team. Laut Bernhard erledigen sie ihre Arbeit zu seiner vollsten Zufriedenheit. Im Gegensatz zu einigen Einheimischen: „Natürlich habe ich versucht, Leute aus der Umgebung für unsere Manufaktur zu gewinnen. Zum Teil gabe es junge Bewerber ohne guten Abschluss, Referenzen und Erfahrung – und mit einem Benehmen, dass sie froh sein können, überhaupt jemals einen Job zu bekommen. Deswegen arbeiten wir lieber mit Flüchtlingen zusammen. Sie sind uns eine sehr große Hilfe und wir sind dankbar, dass wir sie haben.
Diese Form von Wertschätzung ist auch Firmenchef Bernd Hummel sehr wichtig: „Unsere Mitarbeiter liefern nicht einfach nur ihre Arbeit ab, sondern sind ein Bestandteil des Unternehmens. Wir verfolgen gemeinsam unsere Ziele und helfen uns gegenseitig, diese zu erfüllen. Das geht über die reine Zusammenarbeit hinaus. Soweit wir können, unterstützen wir unsere Mitarbeiter auch im privaten Bereich und helfen bei Problemen. Vom Schneidetisch geht es weiter zu den Näh- und Stickmaschinen, die tatsächlich vor allem von Frauen bedient werden. Obwohl die Damen eine bestimmte Stückzahl am Tag zu erfüllen haben, herrscht eine zwar konzentrierte, aber dennoch stressfreie Atmosphäre. Es scheint, als hätten diese Menschen ihre Berufung gefunden. Bereitwillig lassen sie sich über die Schulter schauen und auch von unserer Fotografin nicht aus der Ruhe bringen. „Ein Mitarbeiter muss an seinem Platz  einfach nur offen und ehrlich seinen bestmöglichen Beitrag leisten. Wir möchten Menschen zusammenzubringen, die mit Leidenschaft am Schuh arbeiten und mit Freude und Stolz ein herausragendes Produkt schaffen. In unserer Manufaktur arbeitet ein hervorragendes Team hochspezialisierter Handwerker der Schuhfertigung Hand in Hand mit eigens von uns ausgebildeten Quereinsteigern, so Bernd Hummel. Die richtige Einstellung ist jedoch nicht alles. 
Da Leder im Gegensatz zu Textilien ein sehr eigenwilliger und teurer Rohstoff ist, müssen sämtliche Mitarbeiter die Materie genauestens kennen und ihre Verarbeitung perfekt beherrschen. Die Damen an den Nähmaschinen wissen, dass ein Lederbogen verschieden dick ist. Und sie wissen, dass etwaige Fehler behoben werden müssen, dass bei zu viel Verschnitt teure Rohstoffe wie Hirsch-, Lamm- oder Kalbsleder weggeschmissen werden. Deswegen wird nach jeder Station kontrolliert, ob der Schuh keine Klebereste vorweist, die Farben auf dem Upper tatsächlich den gewünschten Ton haben oder der Schnitt nach den Vorgaben verlaufen ist. Nicht umsonst zahlen die Fans für ‚Made in Germany’-Kollabos über 200 Euro pro Modell. Wenn nicht jeder Millimeter des Schuhs perfekt ist, kommt er nicht in den Verkauf. Alles andere wäre für Bernd Hummel nicht Qualität ‚Made in Germany’. „Der Begriff steht weltweit für erstklassige Qualität! Wir freuen uns, mit unserer Manufaktur einen Beitrag dazu zu leisten, dass auch in der Schuhwelt das Prädikat ‚Made in Germany’ weiterhin Bestand hat. Allen Arbeitsschritten übergeordnet ist bei uns daher die Qualität, sowohl materialtechnisch, als auch handwerklich. Klasse statt Masse, Qualität vor Quantität. Immer mit der Maßgabe, den gesamten Schuh mit jedem Arbeitsschritt in der Manufaktur zu fertigen: 100 Prozent Made in Germany.
Wir kommen zum letzten Halt, den die Schuhe durchlaufen müssen: die Veredelung und Nachkontrolle. Auf einem länglichen blauen Tisch stehen verschiedene offene Farb- und Klebetöpfe sowie viele Pinsel. Eine Dame hält eine Art Skalpell in der linken und einen roten Kangaroos-Schuh mit dem Logo des Afew-Stores auf der Zunge in der rechten Hand. „Ach die haben das Logo direkt in die Zunge gestanzt, geht das bei uns auch?“, fragt Steffen, Head of Sneakerness International. „Das sollte kein Problem sein. Wir müssten uns aber noch über das Packaging unterhalten“, erinnert ihn Bernhard.

Münchweiler, Made in Germany Manufaktur. Konferenztisch.


Ich glaube, wir haben es. Das wird der Nachfolger!“ Andreas Biergen, Betreiber des Afew Stores, ist erleichtert. Nach langer Planung steht nun der zweite Teil ihrer Kangaroos Frühstücks-Kollabo fertig vor ihnen: der Omnicoil II ‚Jelly’, bestehend aus Buttero – ein samtweiches naturgewalktes Rindleder – in Verbindung mit einer Premium Meriva-Suede-Toebox. Damit  wird der Schuh zur perfekten Marmelade für das Peanutbutter-Jelly-Sandwich. Verkauft wird er in einer transparenten Schuhbox, die passend zum Thema auch ein Glas Marmelade –  nach Gebrüder-Biergen-Art, versteht sich – und ein Rezeptbuch zum Nachkochen enthält. Fuck, that´s delicious!

Münchweiler. Made in Germany Manufaktur. Produktionsraum.


Im Keller der Manufaktur befindet sich das Rohwarenlager. Hier werden die Materialien für die Schuhfertigung gelagert. „Sobald ein Kunde weiß, welches Leder er haben will, bestellen wir die ausgemachte Menge und fangen an zu produzieren.“ Die ‚Made in Germany’-Kollaborationen werden nur in kleinen Auflagen produziert. Durch diese ‚Just in time’-Produktion werden die Lagerkosten gering gehalten und es gibt weniger Schwund, da so gut wie alles umgehend verwendet wird.
Die verschiedenen Lederblöcke kommen nicht nur aus Deutschland, sondern vor allen auch aus Italien und Asien. Theoretisch könnte Kangaroos auch komplett vegane Schuhe produzieren – ein Angebot, das beispielsweise Moses Pelham schon genutzt hat. Für solche Projekte ist jedoch ist eine größere Vorlaufzeit vonnöten, da erst vegane Rohstoffe und Materialien bestellt werden müssen. Auch Schuhe aus nachhaltig produziertem, vegetabil gegerbtem Leder kann Kangaroos herstellen – aber das ist kompliziert: Man benötigt Bio-Leder, das Fair-Trade-Ansprüchen genügt, die Öko-Standards müssen eingehalten werden und sowohl Klebstoff als auch Garn müssen auf tierische Erzeugnissen überprüft werden. „Alles eine Frage der Zeit“, fasst Bernhard zusammen. 
Von der Idee bis zum fertigen Schuh im Laden braucht es im Optimalfall ein halbes Jahr – Bernhard und seine Mitarbeiter schaffen es aber auch schneller. Am Ende kommt es auch auf die Wünsche des Kollabo-Partners an. Die Jungs von Dandy Diary zum Beispiel wollten unbedingt ein blinkendes Element an ihren Tretern. Den Kontakt zwischen Batterie und Lampe nach allen Produktionsschritten aufrecht zu erhalten, war eine schweißtreibende Herausforderung, die die Mitarbeiter dennoch mit Bravour bewältigt haben – kein Wunsch ist Kangaroos zu ausgefallen! Das Team in Münchweiler gibt sein Bestes, und das hat sich ausgezahlt, denn es gab auch harte Zeiten im schnuckeligen Münchweiler an der Rodalb:
2011 übernahm die Familie Hummel die ‚Schuhmanufaktur Hummel & Hummel GmbH’. Nachdem das Werk vor der Insolvenz stand, verschaffte Bernd Hummel dem Werk noch im selben Jahr einen zweiten Frühling – mit der Idee, exklusive Lederschuhe für Kangaroos in Handarbeit zu fertigen. Früh erkannte er das Potenzial des Gütesiegels ‚Made in Germany’. „Meiner Meinung nach wird die marktnahe Produktion qualitativ hochwertiger Produkte in unserem Land wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen. Immer mehr Endverbraucher wollen wissen, wer die Schuhe wo herstellt, welche Materialien verarbeitet werden, wie nachhaltig die Produktion ist und wie die Firma insgesamt aufgestellt ist. Die Besichtigung ist vorbei und sowohl wir als auch das Sneakerness-Team haben eine Menge gelernt. Denn nach dem ‚Jelly’ ist vor ‚The Green Bridge’ – dem ersten Kollabo-Schuh der Sneakerness Köln mit Kangaroos. Dieser Schuh wird die Kölner Brücken zwar nicht im Namen und in der Optik tragen, sondern vielmehr selbst eine solche sein – zwischen europaweit gelebter Sneakerkultur und Handwerkskunst aus heimischen Gefilden. ‚The Green Bridge’ erscheint am 29. Oktober auf der Sneakerness in Köln. Mehr Informationen folgen auf unserer Homepage. Stay tuned!