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City-Check Wien mit Crack Ignaz

Kaffeehaus und Balkan-Grill

Wer Wien auf Fiaker und Sachertorte reduziert, verpasst eine der spannendsten Metropolen Europas. Wir haben uns mit Crack Ignaz auf eine Melange getroffen und sind mit dem österreichischen Rapper durch die Straßen jenseits der historischen Bezirke gestromert.


Text und Fotos: Daniel Giebel

Du bist Salzburger, lebst aber seit Jahren in Wien. Wie ist deine Verbindung zur Stadt?

Wien war immer schon sehr wichtig für mich. Ich habe hier erst richtig angefangen, Musik zu machen. Die ganze »Hanuschplatzflow«-Geschichte begann auch hier. Österreich ist sehr klein, und da ist Wien der einzig relevante Ballungsraum. Die anderen Städte sind schön und meines Erachtens auch wertvoll – ich feiere kleine Städte fast mehr als größere –, aber Wien hat einfach die Infrastruktur, um Dinge weiterzubringen.

Hast du in Wien ein Lieblingsviertel, einen bevorzugten »Bezirk«?

Den 15. Bezirk mag ich gern. Da wohnen sehr viele meiner Freunde und ich bin oft da. Nicht der schönste Bezirk, aber sehr entspannt und lebensnah. Der berühmte 1. Bezirk wirkt dagegen wie eine Zeitreise ins Mittelalter, das lässt sich kaum miteinander vergleichen. Dann gibt es den Gürtel – das ist jetzt kein Bezirk, aber ein eigenes Universum. Der Gürtel ist die verkehrsreichste Straße von ganz Österreich, ein richtiges Band im Westen Wiens, das die Stadt ein bisschen aufteilt: Westlich vom Gürtel ist es untypischer, aber es gibt auch Villenviertel und viel Grün. Und auf der rechten Seite, östlich vom Gürtel – da wird Wien so, wie man es sich als Tourist vorstellt. Man kann es auch so sagen: Rechts vom Gürtel hast du die Kaffeehäuser, links davon eher den Balkan-Grill.

Gibt es bestimmte Lieblingsorte in der Stadt, die du verraten kannst?

Das Museumsquartier ist im Sommer recht schön zum Rumlungern. Da ist auch der 1. Bezirk nicht weit mit seinen schönen alten Prunkbauten. Ich persönlich mag es lieber etwas abgefuckt – daher feiere ich ein Café, das Einbaumöbel heißt. Das ist eine Mischung aus Club und Verein, die in den Bögen der Stadtbahn auf dem Gürtel liegt. Dort passiert sehr viel, und es gibt interessante Charaktere. Nicht die feinen Bobo-Künstler, sondern eher die Leute aus der linken Szene. Da steigt auch immer mal wieder ein Hip-Hop-Event.

Wie sieht es sonst mit HipHop-Adressen aus? Wo trifft sich die Szene?

Leider existieren wenige Orte in Wien, wo authentischer Hip Hop stattfindet. Es gibt natürlich diese Schickimicki-Clubs, aber Locations, wo sich wirklich eine Community zusammen findet? So etwas habe ich bisher nur im Einbaumöbel erlebt. Am Gürtel gibt es eine Bibliothek, direkt vor dem Einkaufszentrum »Lugner City«. Wir nennen das immer »die Pyramide«, weil dort Treppen bis ganz nach oben führen. Ein nicer Spot im Sommer – man sitzt schön erhöht, kann den Verkehr an sich vorbeifließen und die Zeit vergehen lassen. Das Lugner City selbst ist auch interessant – ein architektonischer Alptraum eigentlich. Erst nach dem siebten Besuch habe ich überhaupt verstanden, wie man rein und auch wieder rauskommt. Es gibt dort Rolltreppen, die nur in eine Richtung führen. Crazy, aber spannend. Irgendwie auch typisch Wien.

Kannst du dich in Wien frei bewegen oder hast du direkt Fans am Hals?

Die blonden Dreadlocks hat niemand, das macht mich extrem leicht wiedererkennbar – hat aber auch den Vorteil, dass ich die Haare unter einer Kapuze oder Mütze verstecken kann und mich keine Sau erkennt. Mit offenen Haaren werde ich circa dreimal am Tag angesprochen, mit Mütze passiert es in drei Wochen vielleicht einmal. Aber so ist es auch in Deutschland.

Beschreib bitte mal den Style der Wiener.

In Wien schaut man sehr viel nach Berlin. Es gibt hier aber einen stärkeren Einfluss aus den slawischen Ländern als in Deutschland. Zum Beispiel Trainingshosen – das war für mich früher ein klassischer Wien-Jugo-Style und ist heute voll Mainstream. Die Fraktionen sind auch sehr gespalten. Es gibt hier einige Bobos, die ihren Reichtum raushängen lassen. Dann hast du Studenten-Hipster, die absichtlich schlicht und großmütterlich angezogen sind. Und dazu eben diese Fashion-Leute, die Kappa und so was tragen.

Du hast eben von Berlin gesprochen. Inwiefern lassen sich die beiden größten deutschsprachigen Metropolen vergleichen?

Wien ist auf jeden Fall viel konservativer als Berlin. Was ich an Wien sehr schätze: Es gibt hier nicht diese Mentalität, dass man immer im Zentrum steht. In Berlin kriege ich oft mit, wie die Leute so überzeugt sind von ihrer Stadt und von dem, was dort passiert, dass sie übersehen, was sonst noch in der Welt passiert. In Wien sind die Leute bescheidener, fast schon unsicher, was zum Beispiel die Mode betrifft. Das finde ich fast sympathischer. Denn wenn man unsicher ist, macht man sich mehr Mühe.

Wie stehst du zum Thema Streetwear und Sneaker ganz allgemein?

Generell geht mir diese Uniformierung und das Gehype irrsinnig am Arsch vorbei. Zum Beispiel »The Ten« von Nike und Off-White – ich fand das Design super interessant, es war over the top und herrlich ignorant. Aber es kommt bei solchen Sachen mittlerweile so schnell an den Punkt, wo sich die dafür begeistern, deren Ästhetik das eigentlich gar nicht entspricht. Leute, die das nicht verstehen oder überhaupt kennen würden, wenn es nicht medial so aufgebauscht würde.

Willkommen in der schönen neuen Internet-Welt.

Diese vermeintliche Social-Media-Individualität ist einfach nervig. Es ist vor allem im Hip Hop selten geworden, dass du jemanden siehst, der einen wirklich eigenen Style hat und interessant aussieht, bei dem es eben nicht um bestimmte angesagte Marken geht. Ich meine: Yeezys sind ugly as fuck! Wer würde die freiwillig tragen? Die passen zu nichts! Auch der ganze Hype um diese sockenartigen Sneaker – die sind mega-bequem, ich trage sie auch, aber jeder Schuh schaut gleich aus. Ich flexe lieber mit meinen Timberlands, die trägt sonst keiner.

Was sollte man auf keinen Fall tun, wenn man nach Wien reist?

Ich persönlich finde den Prater extrem gruselig. Ein permanenter Rummelplatz, sehr surreal. Da kann man jeden Tag ein unfassbares Menschengemisch erleben. Aber wenn man auf Rummelplätze steht, ist das wohl ein Muss.

Und was sollten Wien-Besucher auf keinen Fall verpassen?

Das Donauinselfest. Die Insel mitten in der Donau wird einmal im Jahr zu einem riesigen Festivalgelände mit etlichen Bühnen. Das Festival ist gratis und zieht wirklich jeden erdenklichen Typ Mensch an, den es in dieser Stadt gibt. Das ist krass, teilweise schwer zu verarbeiten, aber auch mega-lustig. Dadurch kriegt man ein Gefühl, wo man sich hier eigentlich befindet. Und man sollte auch mal dahin gehen, wo keine Touristen sind – damit man das echte, das authentische Wien erlebt. Da muss man sich aber auch gehen lassen können, denn es kann schon ziemlich derb werden!

Tipps

Sneaker & Streetwear

Zapateria

Nach dem Aus von Paar ist die Zapateria der letzte Wiener Sneakerstore mit Tradition – seit über 13 Jahren wird im 7. Bezirk ein gut ausgewähltes Programm für Frauen und Männer präsentiert. Ob Adidas City Sock oder New York, seltene Colourways vom New Balance 997, limitierte Kollaborationen von Reebok und Puma und »richtige« Schuhe – »Zapateria« heißt schließlich nichts anderes als Schuhladen – wie Clarks Wallabees oder einzelne Modelle von Mephisto: In dem kleinen Geschäft lohnt es sich, mindestens zweimal den Blick über die Regale schweifen zu lassen. T-Shirts und Jacken von Marken wie Fred Perry stehen ebenfalls zur Verfügung. Hype-Botten gibt es eher bei den High-Street-Filialisten in der nahegelegenen Mariahilfer Straße – hier setzt man auf zeitlosen, unprätentiösen Schick.

 

Kirchengasse 26, 1070 Wien

zapateria.at

Wier

Wer das berühmt-berüchtigte Kürzel A.C.A.B. mit »All Colours Are Beautiful« übersetzt und diesen Slogan dann von Hand per Siebdruck auf hochwertige Fairtrade-Cotton-T-Shirts bringt, kann ja schon mal so falsch nicht sein. Cathi und Tom machen genau das und noch einiges mehr: Im Souterrain-Ladenlokal am Westbahnhof verkaufen die beiden die Shirts und Hoodies ihrer eigenen Marke »Nullkommasiebenprozent« neben verschiedensten Produkten von lokalen Labels. In den Regalen finden sich unter anderem die hübschen Rucksäcke von Franz, der hippe Wiener Kräuterlikör Kalé, spezielle Socken für Yeezy-Boost-Träger, witzige Pins oder ausgewählte Sonnenbrillen und Uhren. Die beiden beraten gerne persönlich und können zu so ziemlich jedem der schönen Produkte in ihrem Store etwas Wissenswertes erzählen.

 

Neubaugürtel 4, 1070 Wien

wier.at

Stil

Diese schicke Wiener Skateboard-Zentrale gibt es seit 2005, und ihre Macher sind bestens in der europäischen Szene vernetzt. Wenn man also in der österreichischen Hauptstadt zum Beispiel eine Civilist-Kollaboration sucht, findet man sie im hellen und weitläufigen Ladenlokal im Neubau-Bezirk, ebenso wie Skate-Brands vom Schlage Dime, Pass-Port, Polar oder Quartersnacks. Bei Footwear gibt es mit Nike SB, Adidas Skateboarding, Converse Cons, Huf oder Vans ein ähnlich breites Angebot, das nicht nur Skater begeistern wird. Abgerundet wird das Programm mit hochwertigen Accessoires wie den schönen Geldbörsen von Bellroy oder Taschen von Patagonia – sowie natürlich Decks und dem restlichen Zubehör, um stilvoll auf vier Rollen über den Wiener Asphalt zu cruisen.

 

Lindengasse 51, 1070 Wien

stil-laden.at

Schlafen

Hotel Kugel

Kein Spa, kein Gym und keine Konferenzräume – das Hotel Kugel ist noch eine richtige Urlauber-Adresse mit Charme. Doch keine Angst vor Spinnweben oder unverständlichem Wiener Schmäh an der Rezeption: Verschieden dekorierte, saubere Zimmer mit moderner Ausstattung, ein im Zimmerpreis enthaltenes Frühstücksbuffet und der sympathische Service vom inhabergeführten Team zeichnen das Haus aus. Ein weiterer Vorteil für Wien-Besucher ist die zentrale Lage des unscheinbaren Gebäudes mit reicher Hotel-Tradition: Das Museumsquartier erreicht man von hier aus ebenso schnell zu Fuß wie die vielen Shopping- und Food-Adressen im umliegenden 7. Bezirk. Tipp: Wer hier ein Zimmer buchen will, sollte das direkt über die Website des Hotels tun – dabei locken einige Vorteile.

Siebensterngasse 43 / Neubaugasse 46, 1070 Wien

hotelkugel.at