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Bequeme Querdenker

Mephisto Rainbow

Mit dem Leisure-Modell »Rainbow« hat Mephisto vor Jahrzehnten dazu beigetragen, Sneaker in den Alltag zu bringen. Jetzt ist das oft als »Lehrerschuh« verteufelte Design wieder da – in neuen »alten« Farben und mit der Mission, die Sympathien der Foot- und Streetwear-Klientel mit Sinn für Qualität und Individualität zu gewinnen.


Prolog: Erleuchtung im Freibad

 

Mein erstes bewusstes Mephisto-Erlebnis markierte zugleich den Beginn meines Anspruchs, in Sachen Style ruhig weit über den Tellerrand hinaus zu schauen. Ich war ein Teenager und bei einem guten Freund in einem Kaff in Hessen zu Gast. Wir hatten endlos Zeit in jenem Sommer und lebten so in den Tag hinein. Einmal gingen wir in ein Freibad, wo ein Kumpel meines Freundes einen Ferienjob als Bademeister hatte – so weit, so öde. Doch dieser Bademeister hieß Hervé, und er kam eher rüber wie ein Surfer: braun gebrannt, lange ausgebleichte Haare, ein Tie-Dye-Unterhemd und eine knappe Adidas-Turnhose. Hervé saß in der hessischen Sonne auf seinem Hochstuhl, rauchte und redete von Mädchen und LSD.

 

Irgendwann schaute ich zu seinen Füßen hinunter. Der trug ja Mephisto-Schuhe! Die klassischen Oberstudienräte, in dunkelgrün, mit der breiten Schnürung. Treter, die ich damals wirklich nur von den Wandervögeln unter meinen Lehrern kannte. Das sprengte mein nicht nur in Sachen Style unfertiges Teenie-Gehirn. Verdattert sagte ich zu dem Bademeister: »Du trägst ja Mephisto-Schuhe!« Und Hervé? Die coole Sau zuckte nur mit den Achseln. In dem Moment begriff ich, was ein wirklich individueller Style ist: Teile aus einem ganz anderen Kontext zu nehmen und sie so einzusetzen, dass etwas Neues entsteht. Sich einfach nicht um Klischees zu kümmern – das ist der beste Weg, diese Klischees zu brechen.

Erster Teil: Macher trifft Marke

 

Caiza Andresen nickt, als er die Geschichte aus dem Freibad hört: »Ich habe mich erst spät mit Mephisto auseinander gesetzt, weil es halt schon diesen Rentner- oder Lehrer-Aspekt hatte. Aber generell interessiere ich mich seit jeher für Sachen, die Qualität haben, und für alles, was ein bisschen anders ist.« Caiza hat über die letzten Jahre seine eigene Sneaker-Convention »Kicks In The Hall« im Westen Deutschlands etabliert. Seit 2016 kümmert er sich bei Säck und Nolde, die Stüssy und andere Marken in Deutschland und Europa vertreiben, um Marketing und PR. Im Auftrag der Firma hat Caiza über das letzte Jahr eine Zusammenarbeit mit Mephisto rund um das Modell Rainbow in die Wege geleitet.

 

Caiza geht jede Woche auf Flohmärkte und schaut nach Turnschuhen: »Vor etwa einem Jahr kaufte ich für 5 Euro einen Schuh von Mephisto, den ich nie vorher gesehen hatte. Nach etwas Recherche stellte sich heraus, dass es ein altes Tennismodell war, ein Mephisto Match – ein umwerfendes Teil, das ich dann ständig getragen habe.« Unter anderem bald darauf bei der Berlin Fashion Week, wo Caiza auf der Seek-Messe zufällig einen Stand von Mephisto entdeckt. Dort sind alle ganz perplex angesichts seiner Schuhe, die sie nicht kennen. Eine Weile später ist Mephisto erstmals auf der Kicks In The Hall eingeladen – und überrascht, dass sich viele der jungen Besucher und Besucherinnen für die honorige Marke interessieren.

 

»Danach wollten sie gerne weiter mit mir arbeiten, und mir kam die Idee, das mit meinem eigentlichen Job bei Säck und Nolde zu verbinden« erzählt Caiza. Schnell ist man sich einig, dass es um das Modell Rainbow gehen soll: »Wir wollen den als Klassiker präsentieren, die Qualität und das Original zeigen. Wobei wir uns die Freiheit nehmen konnten, neue Colorways nach unseren Vorstellungen zu entwickeln, die ein wenig so wirken, als seien sie schon immer da gewesen – einerseits, um uns vom bestehenden Programm abzugrenzen und zum anderen, um dem Sneaker- und Streetwear-Publikum etwas Besonderes zu bieten. Genarbtes Leder, eine Gum-Sole – Aspekte, die von der Szene geschätzt werden.«

 

Zweiter Teil: 50 Jahre modern

 

Selbst ein kurzer Abriss der über fünf Jahrzehnte währenden Geschichte von Mephisto kann nicht ohne den 82-jährigen, immer noch aktiven Firmengründer auskommen: Martin Michaeli. Nach dem Ende seines Studiums in der Schuhstadt Pirmasens zieht Michaeli für sechs Jahre in die USA, um in Fabriken Erfahrung zu sammeln. Anfang der 60er kehrt er nach Europa zurück, im Gepäck das Konzept für einen eigenen Damenschuhs. Anfangs unter dem Label »Michaela« veröffentlicht, werden seine eleganten und bequemen Mokassins schnell zum Erfolg. Mit der Vergrößerung des Sortiments folgt 1965 der Umzug ins französische Sarrebourg sowie der Wechsel zu einem so prägnanten wie internationalen Namen – Mephisto.

 

Die Firma wächst in jenen Jahren rasant, und Michaeli ist überall und alles zugleich: Vorarbeiter, Designer, Einkäufer, Verkäufer und Firmenchef. Als letzterer entscheidet er sich Anfang der 70er Jahre bewusst dagegen, mit den immer stärkeren saisonalen Schuh-Trends Schritt halten zu wollen. Das Credo heißt fortan »Modern, nicht Mode«. Bald kommen entsprechend zeitlose Modelle auf den Markt, welche das Bild der Marke bis heute prägen. Die Designs – darunter der Rainbow – sind zu jener Zeit ein durchaus modernes Novum: Zwischen Sneaker, Wander-und Lederschuh, für Frauen und Männer, dabei mit guten Materialien bestens verarbeitet. Schuhe, die so ziemlich alles mitmachen, zu Bundfaltenhosen genauso passen wie zu Jeans und dabei auch noch herrlich bequem sind.

Dritter Teil: Vom Nehmen und Umdeuten

 

Heute ist Mephisto in 86 Ländern mit annähernd 1000 eigenen Shops präsent. Und die Marke hat über die Jahre prominente Fans gewonnen, wie Caiza berichtet: »Ich habe mich ein wenig damit beschäftigt, wer die Schuhe trägt, und es tauchten auf einmal Bilder von Steven Spielberg oder Sean Connery auf. Als ich im Firmensitz zu Gast war, sah ich ein Foto von Arnold Schwarzenegger mit persönlicher Widmung.« Offensichtlich ordert der Governator zweimal im Jahr dort Schuhe – persönlich und per Telefon: »Solche Leute feiern die Marke, aber es wird nicht groß breit getreten. Mephisto überzeugt einfach seit Jahrzehnten und hat nie irgendwelche Kampagnen machen müssen.«

 

Hier könnte man einwenden, dass es ja zuletzt bereits ein Projekt zwischen Patta und Mephisto gab, das wie das »Projekt Rainbow« im Prinzip genau eine solche Kampagne sei, um neue Kunden zu gewinnen. Laut Caiza ist daran aber erst mal nichts Falsches, und es sei im übrigen »ja auch immer eine Frage des Standpunktes: Früher habe ich in der Schule Huaraches gerockt, und die Leute haben gefragt, was das für hässliche Dinger sind.«  Ein rein kommezielles Interesse hat Caiza bei der ganzen Geschichte jedenfalls definitiv nicht: »Bei mir kommt das alles immer auf diesen Hip-Hop-Gedanken zurück. Polo Ralph Lauren zum Beispiel: Das waren Sachen, die nicht für die Szene gemacht wurden – aber die Szene hat sie angenommen und für sich umgedeutet. Slick Rick hat früher über Bally-Schuhe gerappt!«

Vierter Teil: Starke Charaktere, bequeme Schuhe

 

Apropos Rap: Befragen wir doch mal Kurt Tallert alias Retrogott zu Mephisto. Einst berüchtigt als Kurt Hustle von Huss n Hodn, ist der Kölner sicher kein »Influencer« im heutigen Sinne. Sein seltenes Einfluss nehmen über Social Media besteht eher darin – etwa im Rahmen der letzten Echo-Verleihung – eigene Gedanken rauszulassen. Jene weisen ihn ebenso wie seine Tunes der letzten Jahre als einen der aufrichtigsten Texter der deutschen Szene aus. Kurt ist Mephisto-Verfechter, und das nicht nur, weil er mal auf Lehramt studiert hat: »Wie in der Musik jage ich bei Kleidung keinen Trends nach und setze Style nicht mit Exzentrik gleich. Ich schätze an Mephisto die klassischen Designs, die hohe Qualität und vor allem den Komfort für die Füße: Sie sind bequem wie Sneaker, aber etwas erwachsener.«

 

Quincy Renon ist seit Ewigkeiten in der europäischen Sneaker-Gemeinde aktiv. Als Kwills hat sich der Holländer einen Namen als Illustrator gemacht und bereits Kollaborationen mit Kangaroos oder Jason Markk präsentiert. Darüber hinaus wird er als Charakter mit eigener Meinung geschätzt, der längst nicht jeden Footwear-Hype abfeiert. Seine Leidenschaft für Clarks ist bekannt, und auch das jüngste Engagement von Mephisto ist ganz nach seinem Geschmack: »Ich mag die breite Schnürung und den Outdoor-Look des Rainbow – und seit ich endlich mal ein Paar anprobiert habe, weiß ich auch um die Passform der Schuhe. Die neuen Colorways gefallen mir sehr gut. Mephisto ist sozusagen im Jahr 2018 angekommen.«

 

Epilog: Hinter dem Tellerrand, gegen den Strom

 

Die auf einem Cover dieser Ausgabe und im Rahmen des Artikels zu sehenden Colorways des Mephisto Rainbow aus der Kooperation mit Säck und Nolde werden laut Caiza ab Mitte August exklusiv über eine Handvoll deutscher Stores verkauft: »Da ist zunächst unser noch relativ neuer, hauseigener Webstore namens Sehr Goods. Und es wird sie bei Brooks, 43einhalb, Kickz, The Good Will Out und Uebervart geben.« Die Modelle markieren den Startschuss für eine Zusammenarbeit, die auf mehrere Saisons angelegt ist und über die sich Caiza mächtig freut: »Wenn ich etwas gut finde, will ich, dass es alle gut finden. Und mir gefällt es, Abwechslung in die Szene zu bringen, mit geilen Geschichten und Qualität.«

 

Hervé, Caiza, Martin Michaeli, Schwarzenegger, Retrogott, Kwills – eine Reihe von ganz unterschiedlichen Typen, die durch das Tragen von Mephisto-Schuhen vereinigt wird. Ganz ehrlich: Wer denkt da noch an Oberstudienräte?! Vielleicht ist es mit Mephisto und dem Rainbow doch viel eher so, wie es die Firma in ihrer eigenen Werbung für die Originals propagiert: »Der Schuh für Individualisten. Der Schuh für Querdenker. Der Schuh für alle, denen der Tellerrand noch nie gereicht hat.« Als abschließende Ergänzung sei hier noch eine Formulierung nachgereicht: Der Schuh für jene, die möglichst komfortabel gegen den Strom schwimmen wollen. So wie ein Aushilfs-Bademeister auf LSD.