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Bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter

Nike Air Max 720

Der Begriff »Meilenstein« fällt in der Sneakerszene allzu oft. Doch welcher andere Sneaker kann schon mit einem eigenen Gedenktag aufwarten?

Text: Rami Eiserfey
Fotos: Sebastian André Kruthoffer


In ihrer 42-Jährigen Geschichte konnte die Air Max Technologie in unterschiedlichsten Formen Kenner, Kritiker und Käufer immer wieder aufs Neue begeistern. Nachdem der Air Max 270 der meistgekaufte Sneaker des Jahres 2018 war, tritt nun der Nike Air Max 720 in die Bubble seines Vorgängers.

Mit der Siegesgöttin zum Olymp(ischen Sommerspiel)

1964 hat das sportbegeisterte Oregon im Nordosten der USA endlich eine eigene Sportswear-Brand. Deren Gründer Bill Bowerman und Phil Knight haben zuvor mit dem Vertrieb der japanischen Marke Onitsuka Tiger in den USA Erfahrung und Kapital gesammelt. Ihr eigenes Unternehmen gründen sie als »Blue Ribbon Sports« – und benennen es 1971 nach der griechischen Siegesgöttin Nike um. Zu jener Zeit rüstet die Firma Steve Prefontaine aus, der in ihren Schuhen bei den Olympischen Sommerspielen in München über 5000 Meter den vierten Platz erreicht. Schnell genießt die Brand einen guten Ruf bei amerikanischen Läufern. In diesen Jahren ist die »Waffle Sole« Nikes schnellstes Pferd im Stall, eine Erfindung des Lauftrainers Bowerman. Alles ändert sich, als Phil Knight 1977 auf Marion Frank Rudy trifft.

Rudy, damals ein 52-jähriger Luftingenieur aus Kalifornien, stellt Knight sein Patent vor. Ein Dämpfungssystem, das auf Basis eines in Polyurethan eingekapselten Inertgases in einer Schuhsohle Komfort und Stabilität verspricht – die Air-Technologie. Phil Knight glaubt sofort an das absolut neuartige Konzept und bringt nur zwei Jahre später mit dem Nike Air Tailwind den ersten Schuh mit Luftdämpfung heraus. Wieder zwei Jahre später engagiert die Marke den Architekten Tinker Hatfield als Footwear-Designer. Hatfield präsentiert 1987 die wohl bahnbrechendste Kreation seiner gesamten, an weiteren Highlights nicht gerade armen Laufbahn: ein Air-Fenster, das die Geburtsstunde der Air-Max-Reihe markiert.

EvolutionAIR

Ein geschichtsträchtiges Ereignis, an das sich auch Dylan Raasch, Senior Creative Director Nike Air Max, gerne erinnert: »Der wohl wichtigste Meilenstein in der Air-Max-Historie war der AM1, der erste Schuh mit einer sichtbaren Air-Unit. Damals war man nicht sicher, ob dieses kleine Fenster den Anforderungen an einen Laufschuh standhält. Aber im Endeffekt bildete dieses Modell die Grundlage für die Zukunft von Air Max.« 1987 mit einer sichtbaren, ungeschützten Luftblase in den Sohlen herumzulaufen, ist für damalige Verhältnisse pure Science-Fiction. Die Idee zum Air Max 1 kommt dem Architekten während eines Paris-Aufenthalts, als er vor dem Centre Georges-Pompidou steht. Die transparente Architektur des futuristisch anmutenden Kulturzentrums im Herzen der Stadt gewährt direkte Blicke auf verschiedene technische Bauteile der Konstruktion.

Genau wie die Architekten Renzo Piano und Richard Rogers beim Centre Pompidou will auch Tinker Hatfield das »Unsichtbare sichtbar machen«. Die »Visible Air«-Idee findet ihren Weg auf den Skizzentisch in Oregon und in diverse Prototypen, bis der Air Max 1 erstmals in drei ikonischen Colourways veröffentlicht wird und die Sneakerwelt in Lichtgeschwindigkeit erobert. In den 42 Jahren danach sind es unter anderem Kollaborationen mit Stores wie Atmos aus Tokio oder mit dem holländischen Künstler Piet Parra, die dem AM1 einen Platz im Sneaker-Olymp sichern. Doch natürlich bleibt es nicht beim »One«.

From 1 to 720

Der Air Max Light kommt 1989 in den Handel und kombiniert die sichtbare Air-Bubble des AM1 mit einer unsichtbaren Air-Einheit im Vorderfußbereich. Ein Jahr später folgt der Nike Air Max 90, der mit einer Zwischensohle, die in Vorder- und Hinterteil unterteilt ist, ordentlich Zukunftsmusik macht. Daraufhin folgt der Air Max BW. Unter dessen Upper platziert Tinker Hatfield dieselbe Air-Sohle wie beim Air Max 90, allerdings mit einem größeren Fenster. Im selben Jahr wird auch der Air 180 veröffentlicht, der die bis dato größte Air Bubble zum Vorschein bringt. Diese neue Transparenz kann nur noch der Air Max 93 steigern, der zwei Jahre später sogar über 270 Grad sichtbarer Air-Dämpfung verfügt. Dagegen zeigt der Air Max 95 viele kleinere Fenster und erobert damit vor allem die Herzen der asiatischen Sneakerheads, für die der Schuh zum Favoriten wird, der alle Trends und Hypes überdauert.

Ein weiteres Highlight ist der Air Max 97 mit seiner schmalen Silhouette und viel sichtbarer Air. 2003 zeigt sich Nike einmal mehr innovativ und bringt mit dem Air Max 2003 einen Sneaker heraus, der aus einer japanischen Hightech-Faser auf Kohlenstoffbasis besteht. 2006 folgt mit dem Air Max 360 das erste Modell mit durchgezogener 360 Grad Air-Dämpfung. Als dann die Flyknit-Technologie Einzug in den Nike-Kanon feiert, wird 2013 ein eigenes Air-Max-Modell mit dem federleichten Material veredelt. 2016 bahnt sich mit dem VaporMax ein neuer Meilenstein an – der erste Schuh mit Air-Dämpfung und ohne eine Outsole. Mit dem Air Max 270 folgt 2018 schließlich der erste Lifestyle-Sneaker ohne sportlichen Background, dafür aber selbstredend mit Air-Dämpfung. Jetzt bereitet dieser Schuh den Weg für einen neuen Helden der AM-Saga – den Air Max 720.

Luft und Liebe

Der neueste Streich von Nike ist das Produkt einer vier Jahre währenden Entwicklung. Die Idee für den Schuh stand schon länger im Raum, doch sollten die beiden Vorgänger dieses Modells die Technologie nicht nur beim Publikum etablieren: »Der 720 repräsentiert unsere Erkenntnisse aus dem 270 und dem VaporMax«, erzählt Dylan Raasch. »Als wir uns aufmachten, für den 720 die ultimative, ganzheitliche und komfortable Air-Unit in voller Länge zu entwerfen, stellte sich heraus, dass wir mit den damals aktuellen Fertigungsmethoden nicht die gewünschte Größe erreichen konnten – also war der 270 ein Testmodell, um zu sehen, wie weit wir die aktuellen Herstellungsmethoden mit einem kleineren Ausdruck einer Ferseneinheit vorantreiben konnten. Der VaporMax wurde zwar für den Performance-Markt und nicht explizit für das Lifestyle-Segment entwickelt, gab uns aber weitere Einblicke, wie wir die Leistungs- von den Komfort-Aspekten trennen konnten.«

720 steht für 2 x 360 Grad. Und mit 38 Millimetern stehen die Schuhe auf den höchsten und größten Air Bubbles aller Zeiten. Der Fuß schmiegt sich quasi in einen »Ring of Air«, der für ein elastisches Gefühl und hohen Komfort sorgen soll. Durch diese komplette Einbettung des Fußes punktet das Modell auch im Performance-Segment, da es sich viel und lange tragen lässt. Dank der Zusammensetzung der Air-Bubble aus 75 Prozent recycelten Produktionsabfällen stellt der 720 zudem den wohl nachhaltigsten Air Max in über 40 Jahren Air-Technologie dar.

Zukunftsluft

»Wir denken viel darüber nach, wohin die Reise mit dem Air Max 720 im Jahr 2019 gehen wird. Der Antrieb für die Evolution des Styles muss für uns in einer funktionalen Erkenntnis, einer neuartigen Innovation und einer optischen Veränderung der Silhouette begründet sein. Wir wissen ja schon, was mit dem Modell noch alles passieren wird und erwarten, dass diese drei genannten Faktoren die Hebel sind, die gezogen werden, damit sich der 720 im Laufe des Jahres weiterentwickelt«, verspricht Dylan Raasch. Und tatsächlich findet schon jetzt rund um den Nike Air Max 720 eine ganze Menge statt. Bereits im Januar stellte das japanische Label Undercover eine Kollaboration auf dem Modell vor, die laut dem Nike-Designer erst der Anfang war: »Die Undercover-Collab war großartig, denn wir hatten die Chance zu beobachten, wie eine innovative Marke wie Undercover ein solches Modell aufnimmt und auf eine neue und unerwartete Weise umdreht. Dennoch haben wir noch viele spannende Dinge vor uns, an denen wir schon jetzt fleißig tüfteln.«

Eines dieser Dinge könnte der Jordan Proto-Max 720 sein, der die aktuellste Innovation aus dem Air-Max-Bereich mit der Designsprache der Jordan Brand verbindet. Zusammen mit einem leichten und flexiblen Textil-Upper kommt das Modell mit allerlei technischen Features wie verstellbaren Fersenriemen, die eine individuelle Passform ermöglichen sollen, während die grafischen Details des »Flight Utility« auf der Zunge und den Fersenlaschen verewigt wurden. Wann der Jordan Proto-Max 720 in Deutschland erscheint, ist aktuell noch ungewiss. Bis dahin können sich nicht nur eingefleischte Sneakerheads am Air Max 720 erfreuen – laut Dylan Raasch ist Air Max für »alle, die nicht nur Komfort lieben, sondern offen für ausdrucksstarke Schuhe sind und keine Angst davor haben, das auch zu zeigen«. Und dank des ständig innovativen Teams in Oregon und einer Technologie, die auch 42 Jahre nach ihrer Erfindung zu begeistern vermag, wird die Geschichte von Air Max sicherlich noch den einen oder anderen echten Meilenstein hervorbringen.