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Angeben war gestern

Realtalk: Kein Flex aber OK

Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen. Und das größte Hypebeast schreit am lautesten, wie viel die eigenen Klamotten gekostet haben. 2019 sollten wir das Flexxen hinter uns lassen.


Vor zwei Jahren war ich bei unserem Praise-Video-Stammtisch noch der Überzeugung, dass »man flexxen muss«. Heute denke ich darüber ein wenig anders. Nur weil man drei Boxlogos auf einmal trägt, ist man dadurch nicht unbedingt dreimal so cool. Während ein einzelnes Hype-Stück von Supreme oder Balenciaga für Akzente sorgt, wirken ganze Outfits eher, als hätten blutjunge Fußballer zum ersten Mal ihren Lohn auf der Königsallee verbraten. Das ist dann in etwa so stilvoll wie eine Hochzeit bei McDonald’s – nur weil es dir schmeckt, muss es noch lange nicht geschmackvoll sein.

Doch der wahre Antichrist in diesem schlammigen Sumpf der Selbstinszenierung sind »How much is your outfit worth?«-Videos. Man darf sich das ungefähr so vorstellen: Ein Typ zwischen 13 und 25 Jahren spricht wildfremde Leute auf der Straße an und fragt sie, wie teuer ihr Outfit sei. Und schon geht es los: »Jacke: Philipp Plein. 3000 Euro. T-Shirt: Supreme. Boxlogo. 300 Euro. Hose: Keine Ahnung. Zara. 20 Euro? Schuhe! Off-White. 600 Euro.«

Den Rest erspare ich uns an dieser Stelle. Manch einer holt aus seinem Rucksack noch ein zweites Paar Turnschuhe heraus oder präsentiert Uhr und Handy, um noch mehr Wert für sein Outfit und – aus seiner Sicht – noch mehr Coolness zu erzielen. Zu der Erkenntnis, dass anscheinend niemand wirklich viel Geld für eine Hose in die Hand nehmen will – vermutlich, weil eh nicht sofort ersichtlich wird, dass es sich um eine Markenhose handelt – kommt, dass  alle Protagonisten dieser Videos vom Geschmack her wie die Enkel von Robert Geiss rüberkommen.

Teuer nicht gleich cooler. Exklusivität definiert sich nicht nur durch den Preis. Wo ist der Reiz an einem Teil, das jeder Tunichtgut mit der Kreditkarte der Eltern im Laden kaufen kann? Es ist nichts Besonderes, da es nicht schwierig ist, viel Geld auszugeben, wenn man es hat. Anstatt jeden Donnerstag bei Supreme sein Taschengeld auf den Kopf zu hauen, empfehle ich Flohmärkte – sowohl online als auch offline. Hier versteckt sich das ein oder andere Designerteil, das nicht schon in hundert Youtube-Videos hergezeigt wurde und mehr Kultur in sich trägt als der komplette Kleiderschrank von ApoRed. Wenn schon Marken, dann bitte die richtigen. Wer keinen Bock darauf hat, als Werbetafel rumzurennen und sich nach Understatement sehnt, ist zum Beispiel mit Brands wie Our Legacy, A Kind Of Guise oder Norse Projects sehr gut beraten. Glaubt mir: Spricht euch dann jemand auf eure Klamotten an, ist es bestimmt kein Rotzbengel mit einem Mikrofon.