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Party Like It’s 1999

Reebok Daytona DMX

Reebok hat den Millennials mehr zu bieten als 80er-Jahre-Modelle in weißem Leder. Zum Beispiel die Schuhe aus der Zeit ihrer Geburt. Mit dem Daytona DMX kommt ein Running-Bolide zurück, der Anhängern des Dad-Shoe-Hypes ebenso gefallen dürfte wie Technik-Freaks und 90er-Stylern. Unbedingter Fortschrittsglaube, hauseigene technische Innovationen und ein hoffnungsvoller Nachwuchs-Designer – das waren die richtigen Elemente für einen Runner, der Reebok zum Absprung ins nächste Jahrtausend verhelfen sollte und jetzt wieder für Aha-Momente sorgen darf.


Reebok Daytona DMX

In den 90er Jahren ging es auch bei Reebok immer nur um die nächste fortschrittliche Footwear-Technik, angetrieben vom internationalen Patent-Wettrüsten der großen Brands und vielleicht noch mehr vom futuristischen Kitzel der stetig näher rückenden Jahrtausendwende. Dass sich die Welt mit Beginn des Jahres 2000 einfach weiter drehen würde wie bisher, das wollte spätestens in der Dekade davor niemand mehr so recht glauben. Es war das Jahrzehnt des Samplings und der elektronischen Musik, der ersten Handys und des frühen Internets – von maximalistischen Ideen bis zu düsteren Endzeit-Visionen ging einfach alles. Nicht zuletzt waren es die Jahre, in denen Sneaker den Schritt in den Alltag schafften.

 

Weniger als zwanzig Lenze zuvor hatten Laufschuhe auf dem neuesten Stand der Technik den eigentlichen Durchbruch von Reebok markiert. 1979 kam es auf einer Sportmesse in Chicago zur entscheidenden Begegnung zwischen den britischen Gründern der Marke und Paul Fireman. Der Bostoner erkannte das zukunftsträchtige Potential der dort vorgestellten Jogging-Modelle – und das Schicksal nahm seinen buchstäblichen Lauf. Der Rekorde aufstellende Erfolg mit Aerobic- und Fitness-Schuhen in schmuseweichem Garment-Leder ließ Reebok zwar in den 80ern zu einem der großen Sportswear-Player werden, darauf ausruhen wollte und konnte man sich als moderne, längst börsennotierte Firma aber natürlich nicht.

Reebok Daytona DMX

Fortschritt wagen

 

Um neue Impulse im Unternehmen zu schaffen, kam es bereits 1985 zur Bildung einer »Advanced Technologies Group« bei Reebok. Es galt, völlig neue Performance-Gebiete zu erschließen und mit bahnbrechenden Innovationen zu besetzen. Bald gerieten im Design-Department von Reebok die Konzepte immer gewagter und utopischer. Als erste erfolgversprechende Idee der ATG-Designer schaffte es das »Energy Return System« in einen Reebok-Laufschuh – die Energie absorbierenden und wieder abgebenden Hytrel-Röhren von ERS machten den mit dem Slogan »the unfair advantage« beworbenen World Trainer 1988 zum Hit und bestärkten bei Reebok das Vertrauen in die hauseigene Innovationsschmiede.

 

Dessen nächste Entwicklungen sollten weitere wichtige Meilensteine in der Sneaker-Geschichte markieren. Mit Einführung der Pump-Technologie zum Beginn der 90er Jahre wurde einerseits dem Bedürfnis der Kunden nach einem individuellen Fit entsprochen, auf der anderen Seite trieb das immer reduziertere Luftkissen-Design der diversen Upper auch die Entwicklung der Sohlen nach und nach in Richtung »Weniger ist mehr«. So kamen unter anderem Graphlite-Fasern ins Spiel, die eine völlige Neukonstruktion der Sohlen ermöglichten. All die Innovationen dieser Phase kulminierten 1994 im Instapump Fury, der mit seinem minimalistischen Aufbau und den kreischenden Farben ein Statement setzen sollte. Ein absoluter Ausnahmeschuh, der auch einen Generationenwechsel bei Reebok einleitete.

Reebok Daytona DMX

Von ATG zu R.A.C.

 

Bereits in den frühen 90ern durfte das Design-Team in ein eigenes »Reebok Development Center« auf fast 5000 Quadratmetern umziehen, nachdem es zuvor bereits intern in »Reebok Advanced Concepts« umbenannt worden war. Nun kam es zu einigen Personalverschiebungen in der Abteilung, und so fing ein junger Kunststudent aus San Francisco bei Reebok an, der mit dem Daytona DMX bald seinen ganz eigenen Teil zur Erfolgsgeschichte der Marke beitragen würde: Christian Tresser hatte als Jugendlicher auf eine Fußball-Karriere gehofft, bis die erste professionelle US-Soccer-Liga Mitte der 80er wegen Finanzproblemen aufgelöst wurde – bis dahin sein einziger Zugang zum Sportswear-Business.

 

»Ich wusste damals nicht viel über Laufschuhe, und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich von Footwear-Design gar keine Ahnung. Ich war völlig neu in der Industrie, daher verließ ich mich einfach auf meinen Instinkt.« erinnert sich Tresser an seine ersten Tage im Team von R.A.C., wo er mit der Entwicklung des Aztreks betraut war. Zu seinem Glück konnte er sich frei ausleben: »Es kann auch schön sein, wenn man seine Limits nicht kennt. Manchmal liegt gerade darin ein frischer Ansatz.« Der Designer schwärmt noch heute von seinem damaligen »Boss« Wayne Russell, der dessen kreatives Potenzial erkannte, ihm beim Design des Aztreks nicht zu viel rein redete und ihn mit technischem Know-How unterstützte: »Bei Reebok ging es immer viel um Zusammenarbeit, dieser Ansatz hat mein weiteres Berufsleben definitiv geprägt.«

Reebok Daytona DMX

Labor und Werkbank

 

Für die Sohle des nächsten Projektes unter dem Arbeitstitel »Daytona« kam nichts anderes als das Dämpfungssystem in Frage, welches im Laufschuh DMX Series 2000 zur Mitte der 90er Jahre debütiert hatte. Die miteinander verbundenen flachen Luftkapseln von DMX gerieten mit jeder Weiterentwicklung komplexer, und die aktualisierte Version, die beim Daytona DMX zum Einsatz kommen sollte, galt als Maß aller Dinge. Zum ersten Mal in der Laufbahn dieses Patents war es gelungen, die Kapseln vollständig in der Zwischensohle verschwinden zu lassen. Diese geniale Konstruktion war nicht nur das Ergebnis jahrelanger Forschung und Entwicklung im Labor, sondern auch von Handwerk und Augenmaß an Werkbank und Zeichentisch.

 

»In jener Zeit benutzten wir kaum Computer-Programme wie Illustrator. Es gab sie zwar, aber niemand im Büro wusste, wie man sie bedienen sollte«, lacht Christian Tresser. Damals schickte er die Zeichnungen, die er zuhause und im Design-Büro in Portland angefertigt hatte, in die Fabriken in Taiwan, wo man sich dann Gedanken über die Herstellung der Entwürfe machen sollte. Tresser erinnert sich daran, wie er selbst zu den Produktionsstätten flog, um an der schlussendlichen Umsetzung des Schuhs mitzuwirken: »Das Design entwickelte sich buchstäblich, während ich in der Fabrik stand. Es ist großartig, wenn man die Möglichkeit hat, etwas direkt vor Ort besser zu machen. In meiner Erfahrung entstehen die besten Ideen in der Fabrik, wenn man unter Druck steht, die Dinge zu Ende zu bringen.«

Reebok Daytona DMX

Farbe auf den Füßen

 

Die Silhouette des Daytona DMX wirkt auch in ihrer 2018er-Adaption so dynamisch und elegant wie zur Jahrtausendwende. Am besten kommt das Design wohl von den Seiten zur Geltung – als zentrales Element zieht eine schwungvolle Linie das gesamte Modell nach vorne, um an der Fußspitze das Upper Richtung Boden zu erden. Die restlichen Linien auf dem Obermaterial folgen diesem Schwung und verleihen dem Schuh bei aller selbstbewussten Bulligkeit der Sohle etwas sehr Leichtes. Diese Balance setzt sich unter der Sohle fort: zum einen mit der zweigeteilten DMX-Anordnung mit breitem Stand auf Ferse und Ballen, andererseits mit einem ausdefinierten Raster von Farben und Druckpunkten auf der Laufsohle.

 

Angesichts dieses sehr technisierten Gesamteindrucks überrascht es, dass sich Tresser bei der Arbeit am Schuh zunächst rein von seiner Faszination für den menschlichen Fuß leiten ließ: »Ich kam auf einige wirklich wilde Sachen, als ich mich mit meinen Füßen beschäftigte und das Design darauf aufbaute. Ich trug Farbe auf meine Füße auf, stampfte damit auf Papier herum und studierte die Abdrücke der Sohlen und Seiten, sogar des Spanns. Ich wollte wissen, wie das wirkte und wie ich es in meinen Entwurf einbringen konnte. Es ging mir darum, wie die Füße aussahen, wie sie arbeiteten und sich koordinierten.« Im Nachhinein nennt Tresser seine Versuche »naiv«, da er nicht wusste, wohin sie führen würden – doch fand er dank ihnen zu einigen Einsichten, die in die Gestaltung des Daytona DMX einflossen.

 

Bei seiner Wiederkehr kommt der Daytona DMX nun zunächst in vier Colourways: Die Variante in Rot, Weiß und Grau gibt sich dezent und kommt dem Original damit sicherlich am nächsten. Die anderen drei Modelle sind mit ihren Farbverläufen wilder gehalten. Die Version mit der tiefschwarzen Ferseneinheit, die nach vorne hin ins Weiß verläuft, wird von einem hellen Seitenpanel und leuchtend roten Akzenten im Gleichgewicht gehalten. Mit Purple und Pink glänzt die dritte Version, während unser Covermodell ein extravagantes Nineties-Kleid aus Türkis, Schwarz, Weiß und Purple trägt. Allen Ausführungen gemeinsam sind ausgeprägte Linien, reflektierende Elemente und minimale Reebok-Brandings – und dass es sich im Daytona DMX feiern lässt, als wäre es 1999.