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Schubert meets Shoebox

Sammlerin: Sherin Hanna

Wenn Clara Schumann damals mehr Interesse für Mode und dazu vielleicht auch noch ein paar Jordans gehabt hätte, sie wäre wie Sherin. Die 19-jährige Vietnamesin mit ägyptischen Wurzelnist klassische Pianistin und vereint in ihrer Freizeit Beethoven und Botten.


Kannst du dich noch an deinen ersten Sneaker erinnern?

Ich kann mich noch sehr gut erinnern – ein High-Top Modell von DC. Zu dem Zeitpunkt waren Sneaker kein großes Thema für Mädchen in meinem Alter, allerdings war ich schon immer sehr begeistert von der Materie. Es gab bei uns in Vietnam einen Turnschuh-Laden, wo man von draußen die ganzen Sneaker durch eine Glasscheibe sehen konnte. Da habe ich den Schuh von DC entdeckt, bin in den Laden rein und habe nach dem Preis gefragt. Ich kam geschockt wieder raus, da der Preis zu hoch war. Dann habe ich angefangen zu sparen und nach einigen Monaten konnte ich ihn mir leisten.

Wie hat sich seitdem dein Kaufverhalten verändert?

Anfangs hatte ich nicht die Intention, limitierte Schuhe zu sammeln. Zunächst habe ich Schuhe wie Yeezys mit meinem Bruder in der Schule an Klassenkameraden für gutes Geld verkauft und dadurch mein Taschengeld aufgebessert. Irgendwann sind mir die Schuhe ans Herz gewachsen. Mein Interesse wurde durch das Verkaufen geweckt, auf einmal wollte auch ich einen Yeezy haben. Seitdem hat sich mein Kaufverhalten sehr stark verändert. Ich wollte immer mehr Sneaker besitzen. Vor einigen Jahren waren 120 Euro noch meine Schmerzgrenze für Schuhe – aber da ich durch meine Leidenschaft für Musik sehr gut verdiene, kann ich mir heute teurere Schuhe leisten.

Wo findest du die ganzen Modelle in deiner Größe?

Es kommt darauf an, wie limitiert und von welcher Marke die Schuhe sind. Da nicht alle Schuhe in meiner Größe in Deutschland erscheinen, muss ich öfters in Amerika bestellen. Bestimmte Schuhe sind nur in Männergrößen verbreitet, kleinen Größen werden geringer produziert – das erschwert die Suche. Deswegen habe mich schlau gemacht und Freunde in Amerika kontaktiert. Durch den guten Kontakt in die USA konnte ich zum Beispiel meinen Off-White-Jordan 1 »UNC« zehn Tage vor dem globalen Release für einen sehr guten Preis bekommen.

Scrollt man durch deine Instagram-Bilder, so war der Adidas Superstar für dich früher dein Lieblingsschuh. Heutzutage trägst du mehr Jordans – wie kommt das?

Der Adidas Superstar mit den goldenen Streifen an den Seiten war lange Zeit mein Favorit. Ich habe den Schuh damals bei Foot Locker in London geholt. Als ich ihn im Laden zum ersten Mal sah, wurde mir bewusst, dass die Farbe und das Modell noch gar nicht in Deutschland erschienen waren. In dem Moment wusste ich, dass ich die Schuhe haben musste. Heute ist der Jordan 1 mein absoluter Favorit. Er passt zu jedem Outfit, egal ob ich eine Jeans oder Jogger trage. Selbst zu Kleidern kann man ihn sehr gut stylen. Der Tragekomfort ist nicht immer perfekt, aber man gewöhnt sich daran und er wird nach einer Zeit auch bequemer.

Welche Rolle spielt »Hype« für dich?

Meine Freunde sagen immer zu mir, dass ich ein Hypebeast sei. Naja, das stimmt nicht ganz. Wenn man an »Hype« und »Hypebeast« denkt, kommen einem sofort Supreme, Off-White und viele andere teure Sachen in den Sinn. Für mich geht es nicht unbedingt um Hype, sondern vielmehr um die Outfits und wie man die Sachen kombiniert. Das Outfit an sich muss nicht teuer sein.

Gibt es Marken oder Sneaker, die dich ansprechen, aber sonst kaum jemanden gefallen?

Es gibt eine Marke, die ich sehr interessant finde, die aber noch nicht wirklich bekannt ist: Val Kristopher. Die Idee dahinter finde ich wirklich sehr spannend: Alles, was man normalerweise auf der Innenseite von dem T-Shirt findet, wie zum Beispiel das Sizetag oder der Waschhinweis, befindet sich hier auf der Außenseite. Auch der Slogan ist interessant: »Sometimes you see the real beauty of something when it’s dead.«

Neben Sneakern gibt es da noch eine andere Leidenschaft in deinem Leben …

Neben meinem Faible für Sneaker ist Musik meine größte Leidenschaft. Klassische Musik und das Klavier sind sozusagen meine Lehrer, meine Freunde und zugleich auch mein Heilmittel. Ich hatte eine schlimme Sportverletzung und war monatelang außer Gefecht gesetzt. Da Sport für mich dann flach fiel, habe ich angefangen, Klavier zu lernen. Obwohl ich zuvor noch nie etwas mit Musik oder einem Klavier zu tun hatte, war ich sofort verliebt. Also übte ich täglich bis zu sieben Stunden.
Nach ungefähr zwei Jahren habe ich mein erstes Konzert gegeben und seitdem geht es nur noch nach oben. Musik bedeutet sehr viel für mich, denn sobald ich auf der Bühne anfange Klavier zu spielen, ist die Welt um mich herum leise. Da fühle ich mich frei und lebendig.

Was trägst du bei deinen Auftritten?

Zu meinen Auftritten ziehe ich immer gerne schwarze Kleider an, Schwarz ist für mich die Farbe des Selbstbewusstseins.

Würdest du lieber in Sneakern performen, oder gehört ein gehobener Dresscode für dich zu klassischer Musik?

Tatsächlich habe ich das schon ein paar Mal gemacht, da ich so meine Persönlichkeit und Leidenschaft für Sneaker ausdrücken wollte. Interessanterweise fanden es sehr viele Gäste komisch, aber gleichzeitig auch cool. Das ist etwas ganz Neues für viele Leute, da man so etwas eigentlich nie auf einer klassischen Bühne erwartet.
Ein gehobener Dresscode gehört schon zur klassischen Musik, es ist jedoch kein Muss für mich. Es kommt immer darauf an, wo ich welches Stück vorspiele und wie ich mich zu dem Zeitpunkt fühle.

Wenn Virgil Abloh ein klassischer Pianist wäre, welche Musik würde er spielen?

Ich denke, Virgil Abloh würde Chopin-Etüden spielen, da diese Stücke nicht nur anspruchsvoll, sondern auch sehr besonders sind. Etüden sind Übungstücke, um die Beweglichkeit und die Technik des Spielers zu verbessern. Allerdings hat Chopin es geschafft, seine Übungen auf die Bühne zu bringen – heute werden seine Etüden auch in Konzerten gespielt. Chopin hat aus langweiligen, trockenen Übungsstücken emotionale, lebendige Geschichten gemacht.
Genauso besonders ist auch Virgil Abloh. Trainingsanzüge und Hoodies gelten seit Jahrzehnten als Basics der Straße. Allerdings hat es Virgil Abloh als erster geschafft, Streetwear in die Luxuswelt zu übertragen. Dieser Schritt hat die Fashionwelt meiner Meinung nach komplett verändert.

Und wer darf für dich als der Mozart der Sneaker- und Streetwear-Szene gelten?

Für mich persönlich sind das sowohl Tinker Hatflied als auch Peter Moore, beides Schuh-Designer bei Nike und seit Ende der 1980er Jahre zusammen mit Michael Jordan mit der Umsetzung sehr vieler erfolgreiche Jordan-Modelle betraut. Peter Moore ist der Designer des Air Jordan 1, der für mich ein Must-Have für jeden Schuhsammler darstellt. Der Air Jordan 1 Chicago OG ist zum Beispiel ein Klassiker, der meiner Meinung nach nie aus der Mode kommt, da er bereits seit 1985 sehr beliebt ist. Bis heute sind die AJ1-Modelle noch sehr gefragt und das wird sich in Zukunft auch nicht ändern – genau wie die Stücke von Mozart.

Mehr von Sherin, ihrer Musik und ihrer Sammlung findet ihr hier.

Alle Bilder stammen von Jan Köpke und Samy Hanna.