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Sammlerportrait: Vanessa aka Schuhmaedchen_report

Vanessa ist schon seit Längerem im Sneakerkosmos unterwegs – macht jedoch keinen großen Hehl daraus. Auf ihrem Instagram-Kanal deckt sie sämtliche Marken ab, ohne sich nach gängigen Hypes zu richten. Ob Vintage oder frisch auf dem Markt: Vanessa sammelt und trägt das, was ihr Spaß macht. 

Die Schulmädchen-Report-Filme haben Ende der 70er zur sexuellen Revolution beigetragen. Welche Revolution möchtest du mit deinem Account ins Rollen bringen?  

Wenn auch unbewusst, handelt es sich wahrscheinlich eher um eine persönliche Evolution statt eine Revolution. Der Name ist spontan entstanden, der Wortwitz reflektiert meine Intention und schien mir passend, um mich selbst darzustellen. Ich habe einfach Spaß an der Sache. Also kein Revolutionsgedanke, eher ein Witz – jeder, der im Internet mit einem Profil aktiv ist, hat den Drang, sich selbst zu inszenieren. Das bedeutet für mich aber nicht zwangsläufig, nur auf den Fame abzuzielen. Ich mache es einfach, weil es mir Freude bereitet. Meine Vorstellungen zu visualisieren geht außerdem mit meiner Ausbildung zur Fotografin einher.

Auf einigen Bildern sieht man dein üppiges Schuhregal. Wie viele Paare besitzt du?  

Da die Anzahl für mich absolut irrelevant ist, habe ich meine Schuhe ehrlich gesagt noch nie gezählt. Ich setze mir auch keine Ziele, wie viele Paare ich haben muss. Meine Sammlung setzt sich mehr aus Einzelstücken zusammen, die für mich Bedeutung haben oder mir besonders gut gefallen. Ich habe neulich mit meiner Freundin (@yungcherrybradshaw) resümiert – sie hat die Sammlung auf etwa 200 Paare geschätzt. 

Mit welchem Schuh hat alles angefangen?  

Genau festlegen kann ich den Zeitpunkt nicht, da es eher ein fließender Übergang war. Ich erinnere mich allerdings an 1998 und den Adidas Samba – in der 5. Klasse trug mein Sportlehrer diesen Schuh. Ich konnte mir nicht verkneifen, ihn zu fragen, wo er ihn gekauft hatte. Damals war mir noch nicht klar, dass es bereits um mich geschehen war. Der nächste Schuh, der mir im Kopf geblieben ist, war der 97er. Das hatte damals aber eher etwas mit einer Gruppenzugehörigkeit zu tun – HipHop-Kultur und Graffiti-Szene. Der erste für meine heutige Sammlung bedeutende Schuh ist der Retro Air Jordan XI »Cool Grey« von 2001. Er existiert noch heute – tragen kann ich ihn leider nicht mehr, wegwerfen oder verkaufen würde mir aber auch nicht in den Sinn kommen. 

Wann war für dich klar, dass aus dem Hobby eine Leidenschaft geworden ist?  

Ich mache dafür das Internet verantwortlich. Dort habe ich viele Leute mit dem gleichen Interesse gefunden und bemerkt, dass es in Deutschland eine Community gibt. Das war damals eher eine Männerdomäne, was mir aus der HipHop-Kultur aber bereits vertraut war und daher für mich nie eine große Rolle gespielt hat. Es hat ein reger Austausch im kleinen Kreis stattgefunden. Allerdings muss ich erwähnen, dass der Austausch in einer Zeit stattfand, in der man zehn Minuten warten musste, bis sich das Modem ins Internet eingewählt hatte. 

Schaut man sich deinen Feed an, fällt auf, dass du Sneaker von unterschiedlichsten Marken hast. Was ist deine Lieblingsmarke und welche Rolle spielt für dich der Hype?  

Für mich zählt in allererster Linie die Optik. Auf Hype kann ich eigentlich verzichten, ich kaufe, was mir gefällt. Der Yeezy zum Beispiel ist so gar nicht mein Ding. Ich verfalle eher in eine Art Anti-Hype-Haltung. Das liegt wohl daran, dass sich mein Lifestyle aus einer Zeit vor Instagram entwickelt hat. Nichtsdestotrotz werde auch ich ab und zu von der Werbung beeinflusst. Das hat aber weniger etwas damit zu tun, dass ich Dinge kaufe, um anderen zu gefallen. Wahrscheinlich wüsste ich über den einen oder anderen Turnschuh nicht Bescheid, wenn mir nicht die entsprechenden Posts angezeigt werden würden. 

In deiner Sammlung gibt es auch Vintage-Schätze. Woher bekommst du Schuhe, die zum Teil 20 Jahre alt sind?  

Die finde ich an ganz unterschiedlichen Orten. Meist nicht durch explizite Suche – die Paare sind mir eher in die Hände gefallen, sowohl auf Flohmärkten und Sneakermessen als auch im Internet. Mit der Größe der Sammlung wuchs bei mir auch das Interesse an der Sneakergeschichte. Deswegen hatte ich schon einige Male das Glück, Vintage-Paare zu ergattern, die mir wirklich gut gefallen.

Würden für dich auch High Heels oder Doc Martens infrage kommen?  

Schuh-affin war ich schon immer, allerdings ist ein High Heel für mich kein Alltagsschuh. Ich besitze wirklich viele solcher Modelle, trage sie aber wenig bis gar nicht. Oftmals habe ich sie nur gekauft, um sie zu besitzen, manche sind sogar noch ungetragen. Das ist wahrscheinlich so eine Art Frauending – auch wenn ich mich selbst nicht als das typische Mädchen sehe. Doc Martens sind super, habe ich damals auch wirklich oft getragen, aber die Preise finde ich mittlerweile übertrieben. Das ist der einzige Grund, wieso ich heute keine mehr besitze.

Neben den Sneakern scheinst du auch eine große Vorliebe für Tattoos zu haben. Gehört das für dich zusammen oder hat es sich unabhängig voneinander entwickelt?  

Definitiv unabhängig voneinander. Meine Tattoos haben für mich einen ästhetischen Hintergrund. Ich würde es als Zufall bezeichnen, dass Tattoos und Turnschuhe plötzlich zusammengehören. Auf Instagram hat man früher immer Burger und Schuhe gesehen, heute sieht man Tattoos und Schuhe.

Würdest du dir auch einen Schuh tätowieren lassen?  

Definitiv nicht. Es gibt Tattoo-Motive, die ich für mich ausschließe, da ich darin eine Modeerscheinung oder einen Hype sehe. Das fällt für mich in die gleiche Kategorie wie Sterne oder Tribals. 

Manchen Damen in der Sneakerszene fällt es schwer, Gehör zu finden oder sich zu etablieren. Bei Instagram schreibst du »Irgendwann zeig' ich auch Titten« – eine zynische Antwort auf nervige Direct Messages oder einfach Provokation?  

Der Satz in meiner Bio ist mehr ironisch gemeint. Es geht in erster Linie um die Erwartungshaltung der Menschen. Etablieren ist weniger das Problem – mir stellt sich eher die Frage, woran man das festmachen will. An den Follower-Zahlen? Was ist der Maßstab, um zu sagen: »Jetzt habe ich Gehör gefunden«? Ich stelle mir solche Fragen nicht. Mir sind allerdings einige Profile – unabhängig ob Mann oder Frau – aufgefallen, die mit Mühe und Not versuchen, bestimmte Zahlen zu erreichen. Ich vergleiche das gern mit Herostratos aus der griechischen Antike, der einen Tempel anzündete, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Über nervige DMs kann ich nur schmunzeln.  

Wie sieht für dich der perfekte Sneaker für Mädels aus? Leicht und zierlich oder schwer und klobig?  

Was den perfekten Sneaker angeht, entwickelt sich mein Geschmack recht unterschiedlich. Schuhe, die ich heute als perfekt betrachte, verstaue ich morgen vielleicht schon wieder im hintersten Karton. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Es kommt auf den Anlass und die Stimmung an. Ich kombiniere mein Outfit von unten nach oben – ausgehend von den Schuhen – oder auch mal umgekehrt. Ich mag sowohl schlanke als auch klobige Turnschuhe. Jeder Sneaker kann perfekt sein.