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Die Techwear-Amazone

Sammlerporträt: Tessa aka Bejonson

Unter den vielen Stämmen in der Streetwear-Kultur ist Techwear einer der elitärsten. Kaum eine andere Szene definiert sich so sehr über Funktionalität, Innovation und einen futuristischen Look, dessen Wegbereiter Marken wie Nike ACG, Acronym und Stone Island Shadow Project waren. Tessa ist eine der wenigen Frauen, die Techwear tragen und sich zugleich intensiv mit dem Thema beschäftigen. Wir haben uns mit ihr getroffen, um über Schönheit und Funktion zu sprechen.


Wie definierst du den Begriff »Techwear«?

Techwear ist Kleidung, die dich auf jede Situation gut vorbereitet, sei es bei schlechtem oder bei gutem Wetter. Techwear hat Funktion und sieht gut aus. Runter gebrochen ist es schöne Funktionskleidung. Techwear muss nicht futuristisch aussehen, sie kann auch casual oder edel sein, es kommt auf die Materialien und auf die Verarbeitung an. Ich persönlich stehe auf innovative Schnitte und neue Interpretationen von alten Designs. Ich stelle mir beim Designen oft die Frage »Was könnte man besser machen?«


Mit welchen Sachen hast du deine ersten Schritte in diese Szene gewagt?

Da gab es nie den einen Moment, in dem fest stand, dass ich ab jetzt Techwear tragen möchte. Es war schon immer da, ich war nie Fan von Sachen wie etwa einer normalen Handtasche, deren Handhabung und Tragekomfort haben mich nie wirklich überzeugt. Ich habe früher viel damit experimentiert, Sachen vom Militär alltagstauglich zu machen. Irgendwann hat sich das mit meinem Avantgarde-Stil und meiner Liebe zum Urbanen gemischt und ich habe Techwear für mich entdeckt.

Welche Rolle spielt der Look im Gegensatz zur Funktionalität?

Aussehen ist ein sehr wichtiger Punkt, ich bin ein großer Fan von Science-Fiction-Filmen und den entsprechend futuristischen Bekleidungsentwürfen. Ich liebe es, mit meinen Looks bei anderen ein gewisses Szenario im Kopf entstehen zu lassen. Herum zu laufen wie der Endboss aus irgendeinem Game oder Film, das ist zu meinem Hobby, wenn nicht schon zu einem Job geworden. Dennoch finde ich Funktionalität sehr wichtig – mir ist es zu langweilig, mich nur »schön« anzuziehen.


Welche anderen Frauen inspirieren dich? Oder ist Techwear eine reine Männerdomäne?

In der Szene inspiriert mich kaum jemand, da meistens das gleiche getragen wird – Funktionsjacke, vorzugsweise von Acronym, eine Cargo-Hose und ein paar coole Nikes. Ich schließe mich da nicht aus, manchmal genügt das. Aber ich suche eher nach neueren Interpretationen von Techwear, deshalb probiere ich auch, selber Sachen zu designen. Inspiration finde ich in Filmen, in der Industrie oder in der Architektur. 
Techwear ist zwar keine reine Männersache, die Männer machen aber definitiv den größeren Anteil aus. Ich denke, momentan gibt es einen kleinen, aber spürbaren Wandel, immer mehr Mädels fangen an, sich dafür zu interessieren.

Muss Techwear eigentlich hochpreisig sein? Oder wie erklärst du dir die Preise von Acronym?

Nein, es muss nicht immer hochpreisig sein. Man kann auch eine einfache wasserabweisende Jacke kaufen. Für etwas mehr Qualität und ein hochwertiges Design kann man aber schon etwas mehr ausgeben. Ich weiß nicht, wie die Preise bei Acronym genau entstehen, aber wenn man die neuesten Gore-Tex-Materialien verwendet und diese in eigens entworfene Schnitte umwandelt, dann darf man sicherlich schon einiges dafür verlangen. Außerdem verkauft man ja nicht nur das Produkt, man verkauft auch einen Status, ein Gefühl.


Bevorzugst du Sachen, die du selber machst oder kaufst du lieber Klamotten?

Natürlich bevorzuge ich Sachen, die ich selber gemacht habe, aber ich kaufe auch gern ein. Aber nichts ist schöner als das Gefühl, genau das umgesetzt zu haben, was man sich vorgestellt hat. Man geht dann auch anders mit diesen Dingen um. Es wird mehr geschätzt und nicht einfach nur konsumiert.

Kannst du uns deinen Schuhgeschmack beschreiben?

Mit einem Wort – ungewöhnlich. Ich suche prinzipiell nach »komischen Schuhen«. Wie oft ich schon gehört habe, was ich für hässliche Schuhe anhaben würde. Was mich natürlich nicht davon abhält, meinem Stil treu zu bleiben. Klar habe ich ein paar gängigere Modelle, aber meist ist es der ungewöhnliche Schuh, der mich anzieht.


Was sind deine drei liebsten Kleidungsstücke und Sneaker?

Bei sowas lege ich mich ungern fest. Immer das, was am besten zur Situation passt, ist dann für eine Zeit mein Favorit. Bei Schuhen ist der Nike Huarache Mid Run einer meiner liebsten – modern, einfach in der Handhabung, einmal in »all black« und in »oil slick«. Der Adidas Crazy BYW hat eine super bequeme Sohle, ist aber leider eher ein Sommermodell. Ich würde mir wünschen, dass der mal als Boot mit Reißverschluss erscheint. Ansonsten noch der 11BBS Bamba 2. Einfach super komfortabel, und er erinnert mich an Space-Boots.
Was Kleidung betrifft, mag ich meine ACG-Jacken sehr gern, aber auch meine zwei ACG-Hosen, die haben sehr interessante Schnitte. Ansonsten ziehe ich gerne meine Haremshosen an, meist in Dreiviertel-Länge, darunter je nach Temperatur coole Thermo- oder Sport-Leggings – und fertig ist das Outfit.

Welche Innovation wird wohl als nächstes im Techwear-Bereich Akzente setzen?

Ich denke, dass es demnächst Gadgets geben wird, die Jacken über Apps erwärmen können, quasi eine eingebaute Heizung. Oder, dass man sein Smartphone über die eigene Jacke aufladen kann. Solche Dinge werden sicherlich bald in Kleidung eingebaut. Ob das jetzt große technische Innovation ist, sei dahingestellt. Zumindest ist es ein weiterer Schritt Richtung Zukunft, aber mehr geht immer. Ich denke da zum Beispiel an Jacken, die wie ein Chamäleon ihre Farbe wechseln können.


Welche Features fehlen dir persönlich noch?

Mir persönlich fehlt richtige Innovation. Etwas zu optimieren ist eine Sache, aber etwas völlig Neues zu kreieren, das wäre einfach nur der Wahnsinn.
Ich kann gar nicht sagen, was mir genau fehlt, manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die im Alltag auffallen, wie zum Beispiel ein höherer Kragen. Eine Jacke bei Bedarf zum Mantel umwandeln oder sie ausziehen zu können, ohne den Rucksack abnehmen zu müssen – das wären noch interessante Funktionen aus meiner Sicht.

Was würdest du dir für 2000 Euro eher holen – Sneaker oder eine Acronym-Jacke?

Vermutlich eher die Jacke, auf längere Sicht ist das der bessere Kauf. Pflegt man sie gut, hat man lange etwas davon, oder man reinvestiert sie wieder für ein besseres Modell. Außerdem gibt es einfach zu viele Sneaker-Releases zurzeit, man gerät beinahe in Kaufzwang, und davon lasse ich mich nur ungern leiten.

Mehr von Tessa und ihrem ausgefallen Stil gibt es hier.

Text: Rami Eiserfey
Fotos: Nicole Doberstein