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Sie kann komplette Sneaker bauen

Sammlerporträt: Tornschuhjette

Henriette Wagener ist nicht nur Sammlerin. Ihre Liebe zu Sneakern geht so weit, dass sie vor vier Jahren beschloss, ihre abgetragenen Jordans in Heimarbeit zu retten. Mittlerweile gehört sie zu den gefragtesten Deutschen im Customizing-Bereich. Fischhaut, Blattgold oder Hermès-Tücher – kaum ein Material, das sie noch nicht verarbeitet hat. Praise hat mit der Wahlhamburgerin über ihren steinigen Weg in den Customizer-Olymp gesprochen.


Zunächst mal: »TornschuhJette« – was verbirgt sich hinter dem Namen?

Im Prinzip ist der Name entstanden, weil »Turnschuhjette« auf Instagram schon vergeben war. Da ich in Hamburg wohne und hier das »u« auch gerne mal als »o« ausgesprochen wird, habe ich das einfach ausgetauscht.

Sammelst du eigentlich noch Sneaker oder bearbeitest du sie nur?

Wer Sneaker sammelt, geht gezielt vor und sucht manchmal lange nach einem bestimmten Modell. Ich kaufe schon viele Turnschuhe, aber eher ohne System. Es ist auch weniger geworden. Tatsächlich habe ich mittlerweile mehr Spaß am Machen als am Besitzen.

Wie viele Sneaker besitzt du wohl? Und wie viele davon sind noch im Originalzustand?

Derzeit sind es genau 87 Paar. Von meinen Sneakern ist ein gutes Drittel bearbeitet. Jedoch gibt es auch Modelle, die ich auf keinen Fall verändern würde, Classics wie den Jordan 4 »Fire Red« oder den 1er »Chicago« zum Beispiel. Das sind richtig gute Schuhe. Manchmal kommt es auch vor, dass ich eine Idee habe, mir einen General-Release nur wegen der Sohle kaufe und meinen eigenen Sneaker designe.

Du hast gerade Jordans genannt – bist du beim Sammeln insgesamt eher »old-school« oder feierst du auch ganz neue Designs?

Ich besitze Jordan 4er und Yeezys. Ich bin da nicht dogmatisch. Oft kann ich hochmodernen Sachen nichts abgewinnen, wobei es auch passiert, dass mir ein Schuh zwei Jahre nach seiner Hype-Zeit auf einmal doch gefällt. Beim Reebok Insta Pump 3 war das so. Der gefällt mir jetzt ganz gut, weil er nicht mehr so allgegenwärtig ist. Anfangs habe ich wie viele andere Sneakerheads einfach drauf los gekauft, aber das hat sich geändert. Mittlerweile bekomme ich aber auch einiges geschenkt – das ist nice!

Was macht für dich einen aufregenden Custom aus?

Es gibt Leute, die können handwerklich super arbeiten, aber du kannst die eine Arbeit kaum von der anderen unterscheiden. Ich versuche immer etwas zu machen, wo man direkt denkt: »Ah, den hat Jette gemacht!«

Gibt es einen bestimmten Schuh, den du gerne als »Leinwand« verwendest?

Prinzipiell arbeite ich super gerne mit dem Presto, weil man bei dem Modell mit wenigen Mitteln viel anstellen kann.

Da fallen uns sofort deine Prestos aus Coogi-Sweatern ein. Mit welchen Materialien arbeitest du am liebsten – und mit welchen eher nicht?

Ich versuche mittlerweile, auch bei den Schuhen in Richtung nachhaltiger Materialien zu gehen. Von diesen ganzen exotischen Sachen wie Python-Leder bin ich eher weg. Das fand ich anfangs echt cool, weil es eine geile Optik hat, aber schon aus ethischen Gründen sollte man das eigentlich nicht verwenden. Wenn so etwas gewünscht wird, versuche ich die Leute inzwischen eher von gelasertem, geprägtem oder gedrucktem Leder zu überzeugen.

Auf Youtube teilst du Erfahrungen und gibst Tips. Zum Beispiel benutzt du Spüli, Bleiche und eine Zahnbürste, um Mesh zu weißen. Hast du diese Hacks selbst erfunden?

Ich habe schon immer zu viele Turnschuhe und veranstalte dann manchmal wahre Putzorgien. Ich wurde schon für bekloppt erklärt, wenn ich mit der Zahnbürste und Aceton die Sohlen gesäubert habe. Ich beschäftige mich schon immer mit Klamotten färben, bleichen, umändern und so weiter, und habe früh angefangen zu nähen. Bei solchen Arbeiten geht manchmal einiges schief – und ich möchte anderen Ärger ersparen, indem ich zeige, wie ich es mache.

Du hast schon für Bonez MC und Fler Customizing-Projekte umgesetzt. Wie war das?

Ganz ehrlich, bei Fler war das so, dass ich dachte: »Der Typ hat Moneten und Bock auf das Projekt.« Bei seinem »Maskulin Boost« habe ich einen 3D-Druck gemacht. Das war für mich ein absolut neues Ding. Ich habe 3D-Animation studiert und weiß, wie das funktioniert, hatte es aber praktisch noch nie umgesetzt. Doch was das anging, schenkte er mir vollstes Vertrauen. Fler hat das mit dem Schuh eingenommene Geld übrigens gespendet. Das Modell ging in der Auktion für 1700 Euro weg – und das in einer Zeit, in der das noch nicht so easy mit vierstelligen Summen für Sneaker war. Das war ein richtig gutes Projekt.

Wie kam Fler denn eigentlich auf dich?

Tatsächlich hat mich jemand von Praise an K’lekt vermittelt. Die haben sich gemeldet und sagten, dass Fler mir helfen möchte. Ich bin jetzt kein großer Fler-Fan, aber ich ließ mich darauf ein, weil meine Arbeit noch in den Kinderschuhen steckte und ich jede Publicity brauchen konnte. Ähnlich war es bei Bonez MC. Der hat mich einmal in seiner Story erwähnt und innerhalb einer Stunde hatte ich 1000 neue Follower. Bei so etwas geht es mir in erster Linie darum zu zeigen, dass ich professionelle Projekte durchführen kann. Für die Zukunft wünsche ich mir ein Projekt mit Ufo 361. Der Typ ist verrückt und hat einen geilen Style!

Customizing ist eine Männerdomäne – wie wirst du in der Szene wahr- und ernstgenommen?

Ich bin so oft belächelt worden am Anfang – von »Höhö, du malst Turnschuhe an« über »Höhö, da hast du dein Hobby ja zum Beruf gemacht« bis zu »Das sind ja gar keine echten Nikes«. Mittlerweile zeigen die Leute für meine Arbeit mehr Verständnis. Ich glaube, dieses Off-White-Ding hat da sehr geholfen. Virgil hat es gemacht wie wir, er hat die Schuhe auseinander geschnitten, wieder zusammen getackert und ein bisschen drauf rumgemalt. Typisch, dass die Leute erst einen Trend akzeptieren können, wenn er von einer bestimmten Stelle legitimiert worden ist. Im Nike Store in New York City gibt es mittlerweile vorgeschnittene Swooshes, die man sich für 50 Dollar drantackern kann.

Du eröffnest bald deinen eigenen Store. Was wird dort passieren?

Ich habe ein öffentliches Atelier in einem Store auf der Hamburger Schanze angemietet. Das ist in dem T-Shirt-Druck-Laden, in dem ich als Studentin gearbeitet habe. Eine Wohltat, denn vorher habe ich in meinem Schlafzimmer zwischen Schuhkartons und Klebern gewerkelt. In letzter Zeit nähe ich viele kleine Taschen, und es sind in Zukunft auf jeden Fall mehr Klamotten geplant.