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Good night right side

Step it up: Macht euer Kreuz an der Kasse!

Seit einiger Zeit träume ich schlecht: Ich sitze auf meinem Fahrrad, da kommt jemand von der Seite angerannt, schreit wild, fuchtelt um sich. Er zerrt und zetert, redet von Fake News und reißt meinen Lenker nach rechts, dabei will ich doch nach links abbiegen. Ich wache auf, scrolle durch meinen Facebook-Feed, und im Halbschlaf wird mir klar: Der Rechtsruck ist real.


Aber dabei bleibt es nicht. Dieser Traum verfolgt mich sogar, wenn ich in meine Schuhe schlüpfe und aus der Tür haste. War da nicht irgendwas mit den Wahlen in den USA, Nike, Kanye, Adidas? Es wurde getwittert und diskutiert. Angeblich flossen Gelder während des Wahlkampfes. Firmenkonten wurden geplündert, Gründer schoben ihrem Lieblingskandidaten ein bisschen Taschengeld zu. Kauf dir was Schönes, haben sie gesagt. Kauf dir ein bisschen Macht und Immunität und die Präsidentschaft davon.

Kein Wunder, dass es sich derzeit komisch anfühlt, in meine Jacke und Schuhe zu schlüpfen, wenn ich weiß, dass deren Hersteller sich politisch engagieren – aber eben nicht in meinem Sinne. Wie sehr sich Politik und Industrie vermischen, das hat sich spätestens in diesem Jahr gezeigt. Und mir ist einmal mehr klar geworden, wie viel Macht ich auch als Konsumentin habe. Ich kann ja entscheiden, was ich kaufe und welche Allianzen ich damit finanziere. Wenn ich aufhöre, mir Kleidung zu kaufen, die ich nicht wirklich brauche, und darauf achte, dass ich mit der Politik der Marke übereinstimme, dann wird mein Geld nicht gegen meine Überzeugung ausgegeben.

Wenn das ganz viele so machen, kommen Firmen irgendwann unter Druck. Sie müssen sich genauer überlegen, wo sie ihr Geld investieren und ob ihre Käufer*innen das gut finden. Denn es reicht nicht, einmal pro Jahr eine millionenschwere Diversity-Kampagne zu schalten, in der von Integration gesprochen wird. Antirassistische Arbeit wird tagtäglich geleistet, von Organisationen, die ihre Sache gut machen, die wissen, was sie tun – und trotzdem keine Geldgeber finden. Dabei wären die Millionen der Marke, in deren Jacke ich zur Arbeit laufe, dort so viel besser investiert.

Es lohnt sich also, sich zu überlegen, wie und was ich konsumiere. Und ich will auch von meinen Freund*innen nicht hören, dass ihnen Politik egal ist oder nichts mit ihnen zu tun hat. In politischen Zeiten ist alles politisch: Mein Pullover, meine Tennissocken und mein Laptop, auf dem ich diese Kolumne schreibe. Das Kreuz mache ich nicht auf dem Wahlzettel, sondern tagtäglich an der Kasse.