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Kunst, Klamotten und Botten

Zu Hause bei Whatsart

Die einzelnen Themenbereiche jeder Ausgabe dieses Magazins werden von Seiten eingeleitet, auf denen wir jedes Mal einen anderen kreativen Kopf vorstellen – in diesem Heft sind es Arbeiten von The Top Notch. Dass wir seine Werke und die anderer Artists hier zeigen dürfen, verdanken wir einer Kooperation mit Whatsart, einem Onlineshop für urbane Kunst. Betrieben wird diese Plattform von Meike Frank, die sonst den Webstore der nachhaltigen Modemarke Lanius leitet, ihrem Bruder Stefan sowie ihrem Lebensgefährten Steffen Wilms, der als Künstler unter dem Namen Random EXP aktiv ist. Wir haben Meike und Steffen in ihrer Wohnung im Kölner Agnesviertel besucht, um über Kunst und das Leben zu sprechen.


Interview: Frederike Ebert
Fotos: Jan Hünicke & Meike Frank

Steffen, deine Arbeiten als Random EXP waren bereits in unserer zweiten Ausgabe zu sehen. Kannst du kurz beschreiben, wofür »RandomEXP« steht und was deinen Style ausmacht?

Steffen: Der Name ist eine Abkürzung für »Random Experiment« und steht dafür, dass ich immer frei Schnauze arbeite. Ich fertige vorab keine Skizzen an. Zuerst habe ich nur Sticker gemacht und dafür vor allem Folien verwendet. Dann habe ich das Foamboard für mich entdeckt und angefangen, mehrebige Collagen zu machen. Mein Style ist inspiriert von Pop-Art, Graffiti und den 80er und 90er Jahren.
Angefangen hat alles mit Graffiti. Ungefähr 1996 habe ich begonnen, mit Sprühdose zu malen. Das habe ich so bis circa 2000 gemacht. Dann habe ich Folien für mich entdeckt und angefangen, aus ihnen kleine Graffiti zu schneiden und sie überall zu verkleben. Ich hatte zwar immer noch Bock auf Graffiti, aber ich bin ein Bastelmensch und hab es zu schätzen gelernt, zu Hause ganz in Ruhe zu Musik rumzubasteln.

Wann hast du angefangen, dich auch für den klassischen Kunstkontext und legale Publikationsformen wie Ausstellungen zu interessieren?

Meike: Steffens Arbeiten wurden immer aufwändiger und er wurde ständig nach Stickern gefragt. Da sind kleine Kunstwerke entstanden, die unter der Hand weitergereicht wurden. Irgendwann war klar, dass man das gar nicht mehr einfach auf die Straßen kleben kann.
Steffen: Ich hatte immer schon im Kopf, dass ich mehr damit machen möchte – also auch gerne in Ausstellungen mitzuwirken. Dann gab es die ersten Gelegenheiten, meine Arbeiten in Gruppenausstellungen zu präsentieren und schließlich die erste Solo-Show über die Reihe »Make It On Time«. Da hatte ich richtig Bock drauf.

Apropos »legale Publikationsformen«: Wie wichtig ist es für Künstler*innen, ihre Arbeiten in Magazinen – wie zum Beispiel auch in PRAISE – veröffentlicht zu sehen?

Steffen: Das ist eine tolle Möglichkeit, ganz neue Zielgruppen anzusprechen. Der Verbreitungsradius ist viel größer.

Darum geht es ja im Prinzip auch bei Whatsart, oder? Was hat es mit eurer Seite auf sich?

Meike: Whatsart ist eine Online-Galerie für kleine, limitierte Print-Auflagen und Originalkunstwerke von Künstler*innen, die zum Großteil aus den Bereichen Graffiti, Street- und Contemporary Art stammen. Wir haben einerseits eine Plattform geschaffen für Leute, die Bock so etwas haben, aber nicht unbedingt auf Ausstellungen oder in Galerien unterwegs sind und dort Kunst kaufen. Auf der anderen Seite für Künstler*innen, die nach einer authentischen Plattform abseits von Ausstellungen oder Galerien suchen, um ihre Kunst zu präsentieren. Die meisten Künstler*innen kennen wir persönlich. Viele machen richtig gute Sachen, aber für das aktive Verkaufen oder das Betreiben eines Onlineshops fehlt ihnen die Zeit oder auch die Muße. Wir übernehmen den E-Commerce-Part und alles, was dazu gehört. Darüber hinaus bieten wir den Künstler*innen die Möglichkeit, ihre Arbeiten auch in echt zu zeigen – wir kuratieren Ausstellungen, und statten in Köln zum Beispiel Läden, Büros und Restaurants wie »Laden Ein« mit Arbeiten aus.

Wie ist die Idee zu Whatsart entstanden?

Meike: Wir waren beide beruflich sehr eingespannt und Steffen hatte kaum mehr Zeit für seine Kunst, das hat ihn wirklich unglücklich gemacht. Wir haben dann einen Break gemacht und waren ein paar Monate reisen. Dabei entstand die Idee, selbst was auf die Beine zu stellen. Steffen äußerte den Wunsch, seine Arbeiten über einen Onlineshop zu verkaufen. Als wir zurück kamen, erzählten wir meinem Bruder davon und er war derjenige, der uns dazu brachte, das Ganze größer zu denken und umzusetzen.

Wie wählt ihr die Künstler*innen aus, mit denen ihr für Whatsart zusammenarbeitet?

Steffen: Ich habe über die Graffiti-Szene ja viele Kontakte. Babak vom Kölner Dedicated Store und der Kölner Künstler Semor haben einiges an Input geliefert. Manchmal bewerben sich auch Künstler*innen direkt bei uns. Bei Whatsart findet man Werke von Daim, Vidam, Flying Förtress, The Top Notch, Innerfields, Amose und vielen mehr.

Onlineshops für Produkte zur »unkonventionellen« Wandgestaltung sprießen ja wie Pilze aus dem Boden. Was unterscheidet Whatsart von jener Konkurrenz?

Meike: Wir verkaufen nicht Designs von Künstler*innen, sondern Kunst. Man kann sich die Artworks bei uns nicht auf Poster, T-Shirts und Tassen drucken. Unser Sortiment ist kuratiert und wir verkaufen keine Massenprodukte. Die Werke sind signiert, nummeriert und handgemacht. Natürlich kostet ein Print dann eben nicht 20, sondern eher 80 Euro oder mehr. Zusätzlich bieten wir exklusive Siebdruckeditionen, die es so nur bei uns oder dem Künstler gibt.

Wie sind eure Pläne mit Whatsart?

Meike: Wir haben unser Team erweitert und sind jetzt zu fünft. Wir arbeiten an einem Relaunch, der hoffentlich bis Mitte des Jahres über die Bühne gebracht ist. Es wird einige neue Künstler und Kooperationen geben und außerdem sind wir bald über whatsart.com zu finden. Es wird also internationaler.

Wer so einen Shop leitet, hat meist auch eine ganz beachtliche Kunstsammlung daheim. Könnt ihr euch noch erinnern, wie euer Interesse am Sammeln geweckt wurde?

Steffen: Bei mir fing das an, als ich für Carhartt tätig war. Die Marke arbeitet viel mit Graffiti- und Streetart-Künstlern zusammen. Da habe ich einen Bezug zu den Kunstwerken bekommen. Ich bin durch alle europäischen Shops gereist, habe dort Ausstellungen gesehen und hier und da ist mal eine Arbeit für mich abgefallen.
Meike: Ich bin tatsächlich erst über Whatsart zum Kunstsammeln gekommen – mein Bruder sammelt mittlerweile auch. Die Werke, die wir verkaufen, sind richtig hochwertige Produkte. Da spart man gern auch mal drauf hin.

Beim Sammeln ist man ja immer auf der Suche nach der nächsten Eroberung, nach dem Holy Grail. Gibt es Arbeiten oder Künstler*innen, die in eurer Sammlung noch fehlen?

Meike: Bei uns beiden steht ein Print von Dface ganz oben auf der Wunschliste. Das ist ein in London lebender Künstler, der eine eigene Galerie hat. Aber es ist unglaublich schwierig, da was abzugreifen. Zwei-, dreimal im Jahr wird eine Edition released – und die ist meist sofort ausverkauft.
Steffen: Und wird dann kurze Zeit später bei Ebay für das Dreifache des Preises verkauft!

Das ist ja wie bei Supreme! Die Schnittmenge zwischen Streetwear- und Streetart-Fans ist eh recht hoch – ehemalige Sprüher wie Parra werden verehrt, Brands kollaborieren mit Artists für limitierte Releases. Wie steht ihr dazu, wenn Künstler*innen für die Industrie arbeiten?

Meike: Ich finde das total legitim. Wenn man als Künstler*in da freie Hand hat und seinem Stil treu bleiben kann… das ist ja auch eine Ehre, wenn eine renommierte Marke die eigene Kunst schätzt. Das ist doch ein Traum!

Gibt es Sneaker- und Streetart-Collabos, die euch besonders gefallen?

Meike: Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es tragen würde: Ich finde Steven Harrington geil, ich habe auch einen Print vom ihm. Er arbeitet regelmäßig mit Nike zusammen, da gefallen mir schon einige Stücke.
Steffen: Ich bin ja Fan vom guten alten T-Shirt und da mag ich das natürlich sehr, wenn der Print von einem tollen Artist gestaltet ist. Das ziehe ich gern an – oder sammle es halt.

Steffen, mit welcher Marke oder für welches Produkt würdest du gern mal arbeiten?

Steffen: Eine Marke fällt mir da jetzt nicht ein, aber tatsächlich plane ich gerade eine Zusammenarbeit mit Ethel Vaughn, die ihr ja ebenfalls in der zweiten Ausgabe von Praise gefeatured habt. Wie das aussehen wird, steht aktuell allerdings noch in den Sternen. Ich gebe Bescheid, wenn es da etwas zu berichten gibt!

Alle Kunstwerke können auf der Homepage der Beiden erworben werden. Mehr von Whatsart findet ihr neben dem Shop auch hier:

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