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Intervention im urbanen Raum

Zuhause bei Georg Barringhaus

Georg Barringhaus organisiert das CityLeaks Urban Art Festival in Köln. In diesem Jahr findet es vom 1. bis zum 14. September und insgesamt zum vierten Mal statt. Kleine und große Eingriffe in die Stadt prägen neben Mauermalerei das Programm. Wir haben Georg in seiner WG am Eigelstein getroffen.

Interview: Lisa van Houtem
Fotos: Pelle Buys

Welche Geschichte erzählt die Stadt Köln?  


Eine Geschichte voller Begegnungen. Man kommt mit den Menschen hier schnell ins Gespräch und kann sich gut ein Netzwerk aufbauen. Obwohl die Stadt sehr klein ist und einen provinziellen Touch hat, ist sie trotzdem reich an Kulturen. Es gibt ohne Ende Subkulturen und eine große Vielfalt.

Mit welchen Schuhen eroberst du Köln am liebsten?


Ich trage gerne Sneaker. Meistens sind das Nike-Schuhe, der Blazer zum Beispiel. Generell mag ich bunte Schuhe.

Hast du ein Lieblingsviertel in Köln?  


Ich mag den Eigelstein sehr gern, der hat was Kölsches und ist von vielen Communities durchmischt. Und es gibt eine Menge Abstruses wie Prostitution, komische Gebäude-Besitzverhältnisse, leerstehende Bahntrassen und einige Unorte. Obwohl der Stadtteil in der Innenstadt liegt, wurde er noch nicht gentrifiziert und hat sich etwas Eigenständiges bewahrt.  

Gibt es Tendenzen in Richtung Gentrifizierung?  


Dort wo vorher die Gaffel Brauerei war, kommen jetzt Hotels hin. Diese Art der Verdrängung sehe ich schon. Köln hat einen starken Raumbedarf. Dies gilt sowohl für Wohnungen als auch für den Tourismus. Köln ist Messestadt. Das Kapital sucht sich seinen Raum und verdrängt. So passiert das auch auf dem Eigelstein. 

Könntest du dir jemals vorstellen, auf dem Land zu leben?


Ich habe ein Häuschen am Schwarzwaldrand und mag ländliche Gegenden total gerne, vor allem, wenn es Berge gibt. Ich könnte mir schon vorstellen, irgendwann aus der Stadt wegzugehen. Aber ich bin auch ein sehr urbaner Mensch und beschäftige mich schon lange mit der Stadt. Den Bezug zur Natur möchte ich aber nicht missen. Ich war gerade in Kasachstan, von diesen Eindrücken zehre ich sehr lange.

Woher rührt deine Leidenschaft für Streetart-Kultur?


Ich hab mir schon häufig Fragen in Bezug auf den öffentlichen Raum gestellt. Es war immer eine gesellschaftliche und politische Frage, wie man den privaten und den öffentlichen Raum zusammenbringt. Also, was tue ich Privates in diesem Raum, wie gehe ich mit den Menschen um und wie gestalte ich diesen Raum? Wie verhält es sich, wenn der öffentliche Raum zu mir nach Hause kommt? Ich mache schon länger Kulturarbeit, und 2011 haben wir mit der »ComeTogether Crew« ein Mural gemalt. Das hat mich angefixt, und ab dem Punkt habe ich mich mehr mit Urban Art beschäftigt und sie weiter gedacht. Was kann und ist diese Kunstform? Woher kommt sie? Welche gesellschaftliche Relevanz hat sie und welche anderen urbanen Themen sind damit verbunden? 

Wo hört Schmiererei auf und wo fängt Streetart an? Oder ist alles Kunst?


Das fängt an bei der Person, die die Kunst macht. Doch die Steetart muss sich auch stark damit auseinandersetzen, wie sie von der Öffentlichkeit und der zeitgenössischen Kunst wahrgenommen wird. Letztere hat immer noch sehr große Schwierigkeiten damit, Streetart in ihren Kanon aufzunehmen. All diese Formen, sei es Graffiti oder Streetart, sind ein gesellschaftlicher Reflex. Der Writer ist rausgegangen, um sich den für ihn verschlossenen Raum wiederzuholen. So fing das in den vernachlässigten und marginalisierten Vierteln an, in den Projects in den USA an, wo die Menschen keinen Zugang zur Schule, Arbeit oder Gesellschaft hatten. 

Ähnlich war es bei der Streetart Ende der Neunziger.


Die Städte erlebten weitgreifende Privatisierung und Kommerzialisierung. Darauf reagierten die Menschen, indem sie sich den öffentlichen Raum für Meinungen und Botschaften zurückeroberten. Mit Bildern, die neue Räume schaffen. Urban Art ist dabei ein Dachbegriff, der darstellende, angewandte und bildende Kunst zusammenführt und sich auf verschiedene zeitgeschichtliche Strömungen beziehen kann. Er umfasst alles: vom Muralismus bis zum Stencil oder Graffiti.

Wie unterscheidet sich der Künstler vom Tagger?


Es gibt das, was ein Individuum im Stadtraum hinterlässt und das, was ein Künstler sich erarbeitet. Der Künstler lebt davon, hat ein Ziel, eine Vision, eine Strategie, eine Methode und unterschiedliche Herangehensweisen, mit denen er Stück für Stück an seinem Schaffen arbeitet. Darin liegt der große Unterschied. Er verfolgt das konsequenter und intensiver und sucht Anknüpfungspunkte mit dem, was kunstgeschichtlich vor ihm war. Es gibt ja auch Graffiti-Künstler, die die reine Praxis irgendwann verlassen und ihre Konzepte weiter ausarbeiten, neue Formen und Sprachen suchen. 

Ist Streetart die einfachste und vielleicht einzige Möglichkeit, in das Erscheinungsbild einer Stadt einzugreifen?


Total. Ich habe ansonsten kaum Zugang zu meinem Stadtbild und kann hier gar nichts mehr verändern. Mit der Streetart habe ich die Möglichkeit, mit einfachen Mitteln Teil meines Stadtbilds zu sein.  

Wie kommerziell ist die Streetart heute? Es gibt mittlerweile viele Auftragsarbeiten. Stört dich das?


Künstler suchen immer nach Verdienstmöglichkeiten. Sie müssen ja auch von irgendetwas leben. Die Kommerzialisierung der Kunst ist ein Phänomen, das über alle Zeitalter hinweg besteht. Es ist immer eine Auseinandersetzung mit dem Künstler und seiner Arbeit: Inwieweit macht er Kompromisse und inwieweit folgt er frei seinem Weg? Der Muralist BLU ist ein sehr schönes Beispiel hierfür. Er war einer der Ersten, der sich aus der Streetart verabschiedet und sehr große Wandbilder gemacht hat. Dabei hat er immer mit politischen Botschaften gearbeitet, ist sich immer treu geblieben und hat sich nie einer Kommerzialisierung ausgesetzt.

Das muss man sich leisten können.


Das kann man sich leisten, wenn man einen entsprechenden Lebensstil hat. Er braucht nicht viel und will auch nicht viel. Der ursprüngliche Ansatz der Streetart – Freiraum für Botschaften und Meinungen für Impulse zu schaffen – geht gerade verloren. Die Kommerzialisierung der Streetart bringt Sachen hervor, die mich persönlich sehr abschrecken und traurig machen.  

Hast du ein Beispiel?


Alle Murals, die Werbebilder darstellen. Das ist der falsche Weg. Ich wünsche mir eine Rückbesinnung auf die eigentliche Idee, die künstlerische, politische und aktivistische Intervention im öffentlichen Raum. Der große Wert dieser Kunstform liegt darin, zu verstören, zu irritieren, zu inspirieren und Bewusstsein zu schaffen. Murals dürfen nicht nur rein dekorativen Zwecken dienen und sich von der Werbung vereinnahmen lassen.

Inwieweit trägt Streetart zur Gentrifizierung bei?


Gentrifizierung hat immer mit Geld zu tun. Es gibt keine Verdrängung ohne jemanden, der viel Geld in die Hand nimmt, um Leute aus einem Haus rauszuwerfen, es zu sanieren und teurer zu verkaufen.  

Das setzt aber eine Nachfrage in Vierteln voraus, die es vor ein paar Jahren eben noch nicht gab.


Eine Nachfragesituation kann natürlich durch die Gestaltung des öffentlichen Raums beeinflusst werden, klar. Aber zu sagen, dass Streetart verdrängt, ist eine verkürzte Sichtweise. Das Geld verdrängt. Man kann natürlich nach der Verantwortung der Künstler fragen, die an der Aufwertung eines Stadtteils beteiligt sind. Aber die Künstler kannst du nicht verantwortlich machen, denn sie verteilen keine Baugenehmigungen –  das machen die Städte selber.

Wie findet ihr die Flächen für die CityLeaks-Künstler?


Wenn du Kunst im öffentlichen Raum machst, wird es schnell politisch, weil es viele Regeln gibt, die diesen öffentlichen Raum nutzbar machen, ihn aber auch sichern und schützen. Die Öffentlichkeit hat nach wie vor Probleme mit Eigentum, das beschädigt wird. Eigentum ist in Deutschland einfach das höchste Gut. Andererseits muss man sich die Frage stellen, was privater und was öffentlicher Raum ist? Wo verlaufen da die Grenzen? Ist eine Fassade zu 100 Prozent privat und inwieweit ist sie öffentlich? Wir wenden uns immer an private Hausbesitzer, die frei über ihre Fassaden verfügen können. Mittlerweile haben wir über 60 Murals in dieser Stadt und sind hier voll angekommen.

Was erwartet die Besucher des diesjährigen CityLeaks Urban Art Festivals?


Dieses Jahr fokussieren wir uns auf den Themenkomplex »Sharing Cities«. Es geht um die Frage, wie wir mit Gütern, Raum, Emissionen und sozialen Ressourcen umgehen. Also nicht nur die Frage, wie wir produzieren und konsumieren, sondern auch, wie wir kommunizieren. Dann kommen wir zu dem Stichwort der »Urban Commons«. Wie können wir Allgemeingut schaffen, sichern und verwalten? Dieses Jahr wollen wir nicht nur künstlerisch, sondern auch wissenschaftlich daran arbeiten und einen Dialog zwischen Künstlern, Autoren, Publizisten, Bürgern und Wissenschaftlern herstellen.
Das CityLeaks Urban Festival 2017 startet heute und geht bis zum 24. September. Mehr Informationen zu dem Festival gibt es hier.