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Bescheidenheitsfangirl

Zuhause bei Nessie

Bevor uns Etikettenschwindel vorgeworfen wird – wir haben die Stylistin Neslihan Degerli, kurz Nessie, gar nicht zuhause besucht, sondern in ihrem Büro in Berlin Friedrichshain. Eigentlich wollte die Berlinerin mal Modedesign studieren, aber dann kam alles anders. Warum dem so war und was Helene Fischer damit zu tun hat? Lest selbst.


Warum hast du vorgeschlagen, dass wir uns für unsere Homestory in deinem Office treffen sollen?

Ich bin gebürtige Berlinerin und mittlerweile hat es mich aus der Stadt herausgezogen – ich wohne im weit entfernten Norden. Das ist ein echter »pain in the ass«, niemand kommt mich dort besuchen. Aber ich bin eh selten zuhause, echt nur zum Schlafen. Im Office verbringe ich viel mehr Zeit, es ist wie ein Zuhause für mich.

Wenn das Office dein Zuhause ist, ist dein Job dann dein Leben?

Mein Job hat mein Leben auf jeden Fall stark geformt. Ich habe neue Welten entdeckt und ein anderes Denken gelernt.

Du bist beruflich eine Tausendsasserin, arbeitest schon seit Schulzeiten als Stylistin und Fashion Managerin. Wie bist du dazu gekommen?

Angefangen hat alles in der 9. Klasse mit einem zehntägigen Schulpraktikum bei Bibi Bachdatze, einer in Berlin ansässigen russischen Designerin. Die hat mich im Anschluss gleich angestellt, parallel zur Schule. Ich wollte eigentlich Mode-Designerin werden. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das doch nicht so mein Ding ist. Trotzdem wollte ich etwas mit Mode machen und habe dann bei einer Designerin gearbeitet, die Bühnenkostüme herstellt, zum Beispiel für »Germany’s Next Topmodel«. Damals war Helene Fischer gerade auf Tour, eine Freundin von mir assistierte deren Stylistin – und das lief wohl nicht ganz rund. Als ich meiner Chefin davon erzählte, haben wir die Koffer gepackt, alles aus dem Showroom mitgenommen und sind nach München geflogen. Mit Erfolg. So habe ich überhaupt erst erfahren, dass es den Beruf der Stylisten gibt.

Was sind deine Aufgaben als Stylistin und Fashion Managerin?

Als Stylistin muss man sehr organisiert sein, ein gutes Gespür für Kombinationen haben – und für die Leute, mit denen man arbeitet. Man muss eine eigene Handschrift entwickeln und aus Dingen, die bereits da sind, etwas Neues, Eigenes kreieren können. Beim Fashion Management macht man viel Image Building, also einen eigenen Style für Leute, Brands oder auch Magazine entwickeln – dazu gehört es auch, Fotografen zu suchen und Models zu casten. Eigentlich die komplette Creative Direction.

Einige Hochschulen bieten Fashion Management als Studiengang an. Du bist Quereinsteigerin gewesen. Hast du dich bewusst gegen den akademischen Weg entschieden?

Eigentlich hätte ich gerne studiert – ich hatte sogar an Modejournalismus gedacht. Ich wäre für ein Studium aber gern ins Ausland gegangen. In Berlin hatte ich schon ein großes Netzwerk, das ist in der Branche ja wichtig, und ich wollte nach London gehen, um es dort zu erweitern. Aber ich habe einen türkischen Pass, was mich in Kombination mit dem Brexit davon abgehalten hat. Jetzt studiere ich Kunst- und Bildgeschichte. Ich finde, Kunst erzählt so viel über das Bild hinaus, über Gesellschaft und Geschichte. Das ist auch in meinem Job nützlich.

Was würdest du empfehlen, um beruflich einen ähnlichen Weg wie du einzuschlagen?

Keine Angst haben, für Neues offen sein und sich Herausforderungen stellen!

Du machst nicht nur Styling, sondern beherrschst auch Schneiderei und Drapage. Wo hast du den Umgang mit Nadel und Faden gelernt?

Ich habe mir das selber beigebracht. Meine Familie war jetzt in keiner schwierigen finanziellen Lage, aber ich war immer schon sehr selbständig und es war mir unangenehm, nach Hilfe zu fragen oder nach Geld. So habe ich mir die Sachen, die ich haben wollte, einfach selbst genäht. Aber mittlerweile kann ich keine Nadel und keinen Faden mehr sehen.

Welches Equipment brauchst du heutzutage für deinen Job?

Man bekommt mehr Jobs, wenn man gut vorbereitet ist. Wer mich bucht, weiß, dass ich alles mitbringe: Fusselrolle und -rasierer, Clips, ein kleines Nähset, Sicherheitsnadeln, Socken, ein Locher für Gürtel… Wenn die nicht passen, kann ich einfach neue Löcher reinstanzen, das ist genial. Kleiderstange, Steamer, alles dabei!

Du hast bei Bibi Bachtadze und Lever Couture gearbeitet, die eher im Bereich High Fashion angesiedelt sind. Wofür brennst du mehr, Streetwear oder Haute Couture?

Ich habe zwar zuerst vor allem bei Couture- und Brautmode-Labels gearbeitet, aber schon immer Sneaker gesammelt. Ich sammle eh gern Dinge, und Sneaker fand ich interessant. Aber weil ich nicht die größte Person bin, habe ich etwas gebraucht, bis ich begann, die Stücke aus meiner Sammlung zu tragen. Wäre doch schade, wenn die ganzen Special Editions und Kollabos niemand zu sehen bekommt. Mittlerweile kombiniere ich gern sportlich und schick.

In deiner Kundenliste finden sich auch Namen aus der Musikbranche wie Vybe Brothers und Chimperator. Was gab es da für dich zu tun?

Ich habe viel Image Building für Newcomer gemacht – also mit den Künstlern erarbeitet, wie sie sich kleiden und verhalten. Viele waren jung, kamen aus kleinen Städten und waren noch dabei, sich zu finden. Ich habe Konzeptboards zusammen gestellt darüber, was zu ihnen passt und was nicht und geholfen, ihren Stil zu finden und mitreden zu können. Für so etwas muss ich wissen, was der Künstler mag – oder mögen sollte – und was seine Zielgruppe mag, was gerade Trend ist und was Trend sein wird, wenn die nächste Platte rauskommt oder die Tour ansteht. Mein Job ist es, die Leute mit sich wohl fühlen zu lassen, aber auch Marken zu finden, die zu den Artists passen und mit denen sie arbeiten können.

Für welche Kunden und mit welchen Marken arbeitest du sonst noch?

Gerade habe ich für Sneakersnstuff eine Kampagne zu Nike ACG realisiert. Aber ich habe schon mit sehr vielen Streetfashion-Labels gearbeitet, mit fast allen. Außerdem habe ich gerade vor Ort für Nylon Japan geshootet und auch für Vogue Japan. Ich mag den Mix aus kommerziellen Jobs und solchen, wo man seine Kreativität ausleben kann. In Deutschland mache ich gar nicht so viel für Magazine – vielleicht ja mal für Praise?

Als Stylistin ist es wichtig, immer up to date zu sein. Wo informierst du dich über Trends?

Meine Umgebung, Freunde, vor allem international, Reisen… Außerdem checke ich natürlich regelmäßig alle relevanten Magazine und Internetseiten.

Interessant, dass du das Internet zuletzt nennst!

Wenn ich mich über Social Media informieren würde, dann würde ich das gleiche machen wie alle anderen auch und dieselben Styles tragen.

Wie würdest du deinen Style denn beschreiben – und inwieweit unterscheidet sich dein privater Stil von dem deiner Styling-Jobs?

Edgy, street und schick – je nachdem, wie ich mich fühle. Es gibt Tage, da sehe ich sehr girly aus und dann solche, da bin ich seriös – ich habe halt auch den Kleiderschrank dazu. Viele Kunden kennen mich über Instagram und wollen meinen Style in den Shoots sehen. Aber ich kann auch noch andere Handschriften, viel dezenter. Es kommt auf den Kunden an.

Wie wichtig ist für dich Instagram in Sachen Akquise?

Wir leben in einer Zeit, in der Social Media eine große Rolle spielt. Und ich muss sagen, dass ich tatsächlich viele Jobs über Instagram bekomme. Die Leute sehen dort meinen Style und bekommen Interesse, mich kennenzulernen und mit mir zu arbeiten. Dabei teile ich nie, woran ich arbeite. Wenn man meine Storys verfolgt, bekommt man ein bisschen mit, aber das ist nicht der Fokus. Ich bin ein Fan von Bescheidenheit.

Werfen wir mal einen bescheidenen Blick auf 2019: Von welchen Teilen sollten wir Abschied nehmen – und was darf neu bei uns in den Kleiderschrank einziehen?

Ich bete sehr, dass dieser Balenciaga- und Vetements-Hype bald vorbei ist. Das Anti-Fashion-Ding war voll mein Humor, aber so langsam reicht es. Dafür hoffe ich, dass jüngere Designer eine Plattform bekommen.

Das mit der Plattform treibst du ja selbst ein wenig voran, oder?

Ich habe gerade mit meinem Geschäftspartner Boris Lehfeld die neue Firma »Avec nous« gegründet. So möchte ich jüngeren Stylisten den Einstieg in die Branche erleichtern. Dazu plane ich ein Online-Magazin. Ich habe das Gefühl, dass man in Deutschland jetzt etwas mehr Wert auf Aussehen legt, vor allem Kids interessieren sich dafür. Mode ist eine tolle Möglichkeit, sich selbst zu entdecken. Das möchte ich supporten.

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Alle Bilder stammen von Nicola Rehbein.